Syndikalismus und Arbeitszeitrechnung

Die spanische Gewerkschaft CNT hat uns eingeladen, einen Beitrag über die Arbeitszeitrechnung für ihre theoretische Zeitschrift „estudios“ zu schreiben. Die neue Ausgabe ist gerade herausgekommen und behandelt in drei Bänden die Themen revolutionärer Syndikalismus, Ökologie und wirtschaftliche Planung. Sie kann HIER bestellt werden.

Wir teilen hiermit unseren Beitrag, in dem wir auf das Verhältnis von Syndikalismus, Selbstverwaltung und Arbeitszeitrechnung eingehen.

Selbstverwaltung und Arbeitszeitrechnung

1.Einleitung: Planung ohne Herrschaft

Planwirtschaft wurde lange Zeit als Synonym für zentrale und staatliche Planung verstanden. Doch in den vergangenen Jahren hat sich daran etwas geändert: Einerseits wurde die Tatsache betont, dass nicht nur staatliche Institutionen, sondern auch Betriebe planen1, andererseits wurden vermehrt Wege gesucht, wie die Planung durch Einbeziehung möglichst vieler Beteiligter demokratisch durchgeführt werde kann2. Die Attribute „dezentral“ und „demokratisch“ werden vermehrt im Zusammenhang mit Planung genannt. Auch im Anarchosyndikalismus werden (wieder) die großen, notwendigen Fragen gestellt: „Wie würden wir eine Stadt ernähren? Wie würde ein Flughafen in der Anarchie funktionieren? Und ein Krankenhaus? Was würden wir mit dem internationalen Handel machen? Und mit dem Tourismus?“3

Das erneuerte Interesse an demokratisch geplanter Wirtschaft ist zu begrüßen. Wie Abad de Santillán zum Zusammenhang von Anarchismus und Kommunismus schrieb, kann „der Mensch, der dem Menschen ein Wolf ist, […] nur unter sicheren materiellen Bedingungen ein wahrer Bruder des Menschen werden.“4 Diese sicheren materiellen Bedingungen können ohne Planung jedoch nicht erreicht werden, erst die Planung ermöglicht bewusstes, autonomes, koordiniertes Handeln.

Aus Sicht eines freiheitlichen Sozialismus stellen sich jedoch einige umfangreiche Anforderungen an eine Planwirtschaft. So muss es sich um eine demokratische Planung handeln, die Ausdruck des Wissens und der alltäglichen Erfahrung der wirklichen Wirtschaftsexperten, der Arbeiter:innen, ist. Sie darf nicht zu neuen (oder alten) Formen von Herrschaft, Ausbeutung und Entfremdung führen. Kybernetische Möglichkeiten dürfen nicht dazu führen, dass Arbeiter:innen, anstatt die Subjekte der Wirtschaftsplanung zu sein, zu ihren Objekten werden. So viel Planung wie möglich sollte in den unteren Wirtschaftseinheiten stattfinden, die ihrerseits direktdemokratisch organisiert sein müssen. Ausgangspunkt aller wirtschaftlicher Prozesse müssen die wirklichen Bedürfnisse der Menschen sein.

Akzeptiert man diese anspruchsvollen Prämissen, ergibt sich unmittelbar die Schwierigkeit, wie wirtschaftliches Handeln selbstverwalteter Einheiten untereinander koordiniert und mit Konsumwünschen in Einklang gebracht werden kann. In diesem Artikel werden wir ein Konzept vorstellen, das aus unserer Sicht schlüssige Antworten darauf gibt. Es handelt sich um die Theorie der Arbeitszeitrechnung. In den vergangenen Jahren hat sie ein regelrechtes Comeback erlebt und ihr Hauptwerk von 1930, die „Grundprinzipien kommunistischer Produktion und Verteilung“, verfasst von der Gruppe Internationaler Kommunisten (GIK), wurde alleine im vergangenen Jahr in Spanien zwei Mal neu aufgelegt.5 Die deutsche anarchistische Organisation „Perspektive Selbstverwaltung“ hat die Arbeitszeitrechnung Anfang 2025 in ihr Programm aufgenommen.6 Auch wenn das Konzept der Arbeitszeitrechnung historisch aus dem deutsch-holländischen Rätekommunismus entstammt, wollen wir hier zeigen, dass Arbeitszeitrechnung für alle politischen Strömungen relevant sein sollte, die Räten und der Arbeiterselbstverwaltung im Wirtschaftsleben eine zentrale Rolle zuschreiben.

Zusammengefasst basiert diese Theorie auf der Idee, dass alle menschlichen Produkte und Dienstleistungen durch die in ihnen steckende Arbeitszeit verglichen werden können. Ihre Grundlage ist also die Arbeitszeit, die als Recheneinheit und „Währung“ in der gesamten Wirtschaftsplanung verwendet wird. Die Betriebe in einer Arbeitszeitökonomie stehen unter der Kontrolle der Arbeiter:innen, die ihre Produktion eigenständig planen und Produktionspläne schreiben. Die Betriebe haben somit eine hohe Planungsautonomie, sie kooperieren und vernetzen sich selbstständig. Eine gesellschaftliche Buchhaltung prüft die Produktionspläne der Betriebe nach demokratisch beschlossenen Kriterien und veröffentlicht die „Preise“ der Produkte in Arbeitszeit. Diese „Preise“ ergeben sich direkt aus den Planangaben der Betriebe. Alle Menschen können die Pläne einsehen, Betriebsgeheimnisse gibt es nicht.

Die spanische cyberkommunistische Gruppe Cibcom schreibt in ihrer Einleitung zur Neuauflage der „Grundprinzipien“: „Wir konnten nicht glauben, dass ein so relevantes Buch in Vergessenheit geraten war! […] Es ist ein Buch, das erstmals ein konkretes Modell einer kommunistischen Wirtschaft vorschlägt, das jeder verstehen kann.“7 Daraus, dass diese Wirtschaftstheorie fast hundert Jahre nahezu ohne Einfluss auf die sozialistischen Bewegungen blieb, sollte man nicht schließen, dass sie irrelevant sei. Wir sollten stattdessen davon ausgehen, dass diese Theorie nur deshalb kaum zur Kenntnis genommen wurde, weil sie nicht zu den hegemonialen Vorstellungen der beiden großen marxistischen Strömungen der Arbeiterbewegung, der Sozialdemokratie und der Kommunist:innen, passten.

2.Selbstverwaltung und Marxismus

Das 20. Jahrhundert war zu weiten Teilen ein Jahrhundert des Staatssozialismus, in dem, im gleichen Maße wie die Rolle des Staates überhöht wurde, die Erfahrungen der Selbstverwaltung ignoriert und bekämpft wurden. Das sowjetrussische Modell, schreibt Ruggeri in seiner Geschichte der Selbstverwaltung, „beherrschte die Denk- und Praxisformen der Wege zum Sozialismus über weite Teile des 20. Jahrhunderts. Dieser Weg zum Sozialismus schloss jedoch selbstverwaltete Wirtschaftsformen aus und ersetzte sie durch eine zentralisierte Planung durch einen Staat, der die Produktionsmittel besaß, ohne viel Spielraum für irgendeine Form von Autonomie der Produzenten.“8

Die Geringschätzung der Rolle der Selbstverwaltung zeigt sich etwa daran, wie stiefmütterlich die revolutionären Erfahrungen im republikanischen Teil Spaniens 1936-39 behandelt wurden, wo immerhin rund ein Drittel der arbeitsfähigen Bevölkerung in kollektivierten Betrieben arbeiteten9 und über die Augustin Souchy schrieb:

„Von allen sozialen Erschütterungen des 20. Jahrhunderts war die soziale Revolution in Spanien nach dem 19. Juli die am stärksten vom sozialistischen Geist inspirierte. Sie schlug nicht den Weg der Diktatur des Proletariats ein, wie in Russland, sondern den Weg der Freiheit. Das ist ihr großes Verdienst […]. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass der Prozess der Kollektivierung des Wirtschaftslebens in Spanien das wichtigste soziale Experiment des 20. Jahrhunderts war. Es war keine Revolution von oben. Alles wurde von unten, an der Peripherie, vom Volk selbst gemacht. Eine neue Wirtschaftsordnung wurde organisiert, das Privateigentum an Land und Produktionsmitteln wurde abgeschafft. Anstelle des Privateigentums trat das Kollektiveigentum. Es gab keine privaten Unternehmergewinne mehr. Doch auch der Staat war nicht Eigentümer der Produktionsmittel“10

Diese Erfahrungen wurden „doppelt ignoriert“, so Ruggeri. Nicht nur von den faschistischen Siegern des Bürgerkriegs, sondern ebenso „von der marxistischen Linken, insbesondere in der kommunistischen Tradition, die dem Stalinismus verpflichtet war“. Hier „wurden die Kollektivierungen und die industrielle Selbstverwaltung zu einer bloßen Randepisode […]. Sogar die Anarchisten selbst, dezimiert und nach der Niederlage sowie der Vernichtung durch den Franquismus fast in Vergessenheit geraten, haben nur wenige analytische Werke über den Prozess der urbanen und ländlichen Selbstverwaltung verfasst, den sie umzusetzen versuchten.“11

Es sollte erwähnt werden, dass der dominierende Marxismus des 20. Jahrhunderts nicht mit dem Kern der Marx’schen Theorie gleichgesetzt werden kann. Viele Vorurteile, die der autoritäre Marxismus der Selbstverwaltung entgegenbringt, stehen im Widerspruch zu den Vorstellungen von Marx und Engels selbst, die etwa die Tendenzen zur Selbstverwaltung während der Pariser Kommune nachdrücklich begrüßten. Marx und Engels sind immer vom „Absterben des Staates“ ausgegangen, für den sie in vielen ihrer Schriften nur Hohn und Spott übrig hatten. Engels schrieb sogar in einem Brief, Marx und er hätten das „Aufhören des Staats proklamiert, ehe es Anarchisten überhaupt gab“12. Diese Aussage mag übertrieben sein, bringt aber doch ihren prinzipiell staatskritischen Anspruch auf den Punkt, der von ihren Adepten, insbesondere dann Kautsky, Hilferding und Lenin, gewaltsam uminterpretiert wurde. Der Staat wurde nun plötzlich als zentraler Agent gesamtgesellschaftlicher Planung betrachtet, gewissermaßen als ein Instrument einer nie endenden Übergangsphase zum Kommunismus – mit allen bekannten Folgen. Doch gab es innerhalb des Marxismus auch andere Strömungen. Azzellini und Ness schreiben hierzu: „Immerhin hat eine Minderheit, die sich in Marx’ Schriften zur Pariser Kommune, im Rätekommunismus, Trotzkismus, Anarchosysndikalismus, dem italienischen Operaismus und anderen ‚häretischen‘ linken Strömungen widerspiegelt, Arbeiterkontrolle und Arbeiterräte stets als Basis einer selbstbestimmten sozialistischen Gesellschaft definiert.“13

Der Selbstverwaltungsgedanke, die Vorstellung von einer Assoziation der Freien und Gleichen und dem Verschwinden des Staates, sind sowohl im Anarchismus wie in den Nebenströmungen des Marxismus, insbesondere dem Rätekommunismus, beheimatet. Fritz Behrens, ein in der DDR zunächst einflussreicher, dann in Ungnade gefallener Wirtschaftswissenschaftler, schrieb in einem „häretischen“ und bisher unveröffentlichten Text über Rätedemokratie aus den 1970er Jahren: „Kommunisten und Anarchisten haben das gleiche Endziel, nur der Weg zu diesem Ziel unterscheidet sie. Eine klassenlose Gesellschaft, wie sie sich in einer sich selbst verwaltenden Gesellschaft darzustellen beginnt, ist eine organisierte Gesellschaft. Es handelt sich nicht um Organisation oder Nichtorganisation, sondern um zwei verschiedene Prinzipien der Organisation. Die Gesellschaft muss organisiert sein, aber diese Organisation muss frei sein, befreit von Herrschaft von Menschen über Menschen, sie muss von der Basis ausgehen: Selbstzentralismus der Massen sein.“14

Die beiden Strömungen Anarchosyndikalismus und Rätekommunismus teilen viele Forderungen: Die Gesellschaft muss von unten nach oben über betriebliche und regionale Räte organisiert werden. So viel wie möglich sollte auf unteren Ebenen in Selbstverwaltung, direkter Demokratie und mit weitgehender Autonomie entschieden werden können, auf höhere Rätestrukturen werden Vertreter:innen nur mit imperativem Mandat entsandt. Staatliche Strukturen sollen überflüssig werden und entweder „absterben“ oder sofort abgeschafft werden. Die Betriebe sind nicht das Privateigentum der jeweiligen Belegschaften, sondern verwalten die Produktionsmittel im Auftrag der Gesellschaft.

3.Räte ohne Ökonomie?

Bei aller potentieller Nähe formulierten die deutsch-holländischen Rätekommunist:innen jedoch häufig sehr scharfe Kritiken am Anarchosyndikalismus, insbesondere an der dominanten Rolle der Gewerkschaften darin. Wir wollen auf diese Polemiken nicht näher eingehen und uns stattdessen auf eine wichtige Kritik konzentrieren, die unmittelbar auf die Arbeitszeitrechnung verweist. Es handelt sich um die Frage, nach welchen Regeln die selbstverwalteten Produktionskollektive eigentlich ihre Produkte verteilen und wie der Anteil der Arbeiter:innen am gesellschaftlichen Gesamtprodukt festgesetzt wird. Darauf, so die GIK, hätten die Anarchosyndikalist:innen keine eigentlich ökonomische Antwort. Die geläufigen anarchistischen Formeln „Nehmen nach Bedarf“ oder „freie Vereinbarung“ ließen besonders in Krisen- und Revolutionszeiten zu viel Spielraum, würden die Gefahr von Willkür und Machtmissbrauch in sich bergen und könnten geradezu in ihr Gegenteil, in staatlichen Dirigismus und eine Ökonomie der Rationierung umschlagen.

Wir stimmen der GIK zu, dass „Nehmen nach Bedarf“ unter den Bedingungen der Knappheit vermutlich nicht praktikabel ist und dies trotz des guten Willens der Beteiligten wahrscheinlich zur Reproduktion staatlicher Strukturen führen würde. Die GIK prognostizierte kurz vor Ausbruch der Spanischen Revolution: „Zum Zeitpunkt der Machtübernahme kann dieses Verteilungssystem [Nehmen nach Bedarf, Anm. IDA] jedoch noch nicht angewendet werden. In dieser Phase werden Konsumgüter nach einem Standard rationiert, der von den Herren der Statistik für uns festgelegt wurde. Sie ‚teilen uns zu‘, wie viel wir verwenden können.“15 Die GIK spitzte zu, dass sich der Anarchismus in der Frage der Verteilung in letzter Konsequenz nicht von bolschewistischen und den damaligen sozialdemokratischen Vorstellungen unterscheiden würde, da er sich auf Rationierung, statistische Berechnungen und gewerkschaftlicher Vertretung stützen müsse: „Dieser Verlauf ist genau derselbe, wie die Staatskommunisten es sich vorstellen. Unten die Masse, oben die Beamten, welche Leitung und Verwaltung von Produktion und Verteilung in den Händen haben. Damit ist die Gesellschaft nicht begründet in ökonomischen Realitäten, sondern abhängig von dem guten oder schlechten Willen bzw. der Fähigkeit bestimmter Personen. […] Diese ‚Hauptadministration‘ muss sich die Mittel verschaffen, um sich durchzusetzen, d. h., sie muss einen Staat schaffen, gegenüber den Arbeitern“.16

Die GIK betont den wichtigen Punkt, dass eine Rätestruktur an sich noch keine ökonomischen Prinzipien ersetze: „Gerade die russische Revolution hat gezeigt, dass das Problem nicht darin besteht: Wie bauen wir das Betriebsleben auf, ob föderal oder zentral, sondern die Frage ist: Welchen ökonomischen Bedingungen unterliegt das Betriebsleben, damit die Arbeiter die Produktion selbst steuern und leiten können?“17 Das Verdienst der GIK ist es, über Räte und Selbstverwaltung hinauszudenken und ein „allgemeines ökonomisches Gesetz“ zu fordern, „das den ganzen Wirtschaftsprozess vereinigt“ und technisch bereits aufeinander angewiesene Produktionen „auch ökonomisch aneinander zu schmieden“. Dieser Zusammenschluss sei „von ganz anderer Art, als ihn die sogenannten ‚Sozialisierungs-Theorien‘ darstellen.“ Gemeint sind hier die Theorien sozialdemokratischer Autoren wie Rudolf Hilferding, Otto Neurath und Karl Kautsky, in denen der Staat die entscheidende wirtschaftsplanerische Rolle spielt. „Diese haben nie etwas anderes im Auge gehabt als den organisatorischen Zusammenschluss der verschiedenen Produktionszweige. Sie beschäftigten sich mit der Frage, welche Industrien vereinigt werden müssen und wie das Problem organisatorisch-technisch gelöst wird. Mit den Bewegungsgesetzen eines neuen Wirtschaftssystems hat das nichts zu tun.“18

Dieses Einfordern ökonomischer Gesetze, einer Recheneinheit die als Signal für wirtschaftliche Prozesse dienen kann, sowie dezentraler Planungen erinnert an die Streitpunkte der „sozialistischen Kalkulationsdebatte“ in den 1920er und 1930er Jahren, in der die Begründer der „österreichischen Schule“, Ludwig von Mises und Friedrich August von Hayek, der (staats-)sozialistischen Planung vorwarfen, sich im ökonomischen Blindflug zu befinden: Man könne im Sozialismus „nicht wissen, was wie von wem wann und auf welche Weise mit welchen Rohstoffen in welcher Menge produziert werden soll, damit die Menschen bekommen, was sie brauchen.“19

Bekanntermaßen tendierte die spanische CNT zwischen 1936 und 1939 zur Zentralisierung und zu staatlichen Politiken, wobei dies nicht einer marxistischen Beeinflussung geschuldet war, sondern „der Vorschlag eines syndikalistischen Staates war das Ergebnis einer endogenen Entwicklung im revolutionären spanischen Syndikalismus“20, so Gómez. Laut Bernecker, der diese Entwicklung sehr kritisch sieht, tendierte die CNT in den drei Jahren des Bürgerkriegs „zu einer bürokratisch-zentralistischen Organisation, die die Prinzipien der Basisautonomie und eigenverantwortlichen Entscheidung zugunsten der hierarchischen Strukturierung und einer wirtschaftlichen Gesamtplanung aufgab.“21 Damit einher ging auch ein durchaus straffes Regime der Arbeitsdisziplin (z.B. Wiedereinführung der Akkordarbeit) in den sozialisierten Betrieben, das den Fabrikordnungen kapitalistischer oder sowjetischer Betriebe nicht unähnlich war.22

Der Grund für die zentralistische Tendenz der CNT im Bürgerkrieg scheint nicht ausschließlich in den ungemein schwierigen Rahmenbedingungen jener Jahre, dem Bürgerkrieg und den politischen Konstellationen, zu liegen, sondern auch darin, dass Anarchismus und Anarchosyndikalismus im Jahre 1936 ungenügend vorbereitet waren auf die konkreten Fragen, die die Revolution ab dem ersten Tage stellte. „Die Frage, wie die neue Gesellschaft organisiert werden soll, ohne den Staat wieder herzustellen“, schreibt etwa Ruggeri, „überstieg eindeutig die theoretische Kapazität des bestehenden anarchistischen Denkens.“23

In den Agrarkollektiven entstand ein Flickenteppich aus unterschiedlichsten Entlohnungssystemen und Wirtschaftsbeziehungen: „Die vor allem in Aragonien vorgenommene Abschaffung des Geldes“, schrieb Bernecker, „war nicht Ergebnis einer währungstheoretischen Überlegung oder Beginn einer planvoll durchdachten Reform des allgemeinen Tausch- und gesetzlichen Zahlungsmittels; sie erfolgte vielmehr spontan, d.h. ohne zentrale Anweisung“24. Geschlechtergleichheit in der Vergütung wurde nicht erreicht und durch den häufig anzutreffenden Familienlohn wurden tendenziell traditionelle Geschlechterrollen festgeschrieben.

Ohne klare ökonomische Regelung der betrieblichen Selbstverwaltung wurde dem Betriebsegoismus Vorschub geleistet, schreibt Bernecker: „Die berechtigte Befürchtung, daß im Fall der Vergesellschaftung ‚von oben‘ oder ‚von außen‘ die Entfremdung des Arbeiters und seine Abhängigkeit nicht aufgehoben würden, führte in der Anfangsphase zu unkoordinierter Einzelkollektivierung und Betriebsegoismus.“25

Eine beeindruckende Theorie, wie Planwirtschaft und Selbstverwaltung zusammengehen können, entwickelte Abad de Santillán in seinem am Vorabend der Revolution erschienenen Buch „Der ökonomische Organismus der Revolution“. Doch auch wenn ihm das Verdienst zukommt, „zum ersten Mal in den Anarchismus die Diskussion über die strategische Planung der Wirtschaft“ einzubringen26 und er in seiner Bibliographie die „Grundprinzipien“ sogar als „interessante Studie“ aufführt,27 finden sich auch in seiner Schrift nur wenige ökonomische Ausführungen. So äußert er sich vage, dass er gegenüber der Geldwirtschaft oder dem Nehmen nach Bedarf die „gesellschaftliche Kontrolle des Konsums“ bevorzuge.28 Lokale, regionale und föderale Wirtschaftsräte müssten Normen wie die „Bewertung der Arbeitsleistung“ oder das „Zeichen des Austauschs“ festlegen.29 Eine wichtige Rolle müssten Statistiken über Produktion und Konsum spielen, wobei die statistischen Büros beim Rat für Kredit und Austausch angesiedelt sein sollen. Dieser Rat würde zentrale ökonomische Funktionen ausfüllen, denn „mit Hilfe der Statistik über Produktion und Konsum würde er den Warenumlauf regulieren, Nachfrage entgegennehmen und weiterleiten und somit die Funktion des heutigen Handels übernehmen. […] Im wahrscheinlichen Fall der Einführung eines Zeichens des Austauschs – nicht im Sinne der kapitalistischen Währung, sondern um seiner ursprünglichen Bedeutung nachzukommen, die den Umlauf und Austausch von Produkten erleichtert –, würde der Rat für Kredit und Austausch diese Zeichen verwalten. […] Entscheidend ist, dass jedes Angebot und jede Nachfrage nicht individuell, sondern über den jeweiligen Rat für Kredit und Austausch erfolgen würde.“30

Viel mehr als diese versprengten Andeutungen zu einer Ökonomie der Selbstverwaltung lassen sich in Abad de Santilláns einflussreichem Buch nicht finden. Folgt man der Kritik der GIK, können die einzelnen Wirtschaftseinheiten jedoch nicht effektiv autonom handeln, solange allgemeine ökonomische Regeln für die kooperative Wirtschaft fehlen. Die wirtschaftliche Planung und Verteilung muss dann durch Funktionäre, die an entscheidenden Stellen sitzen, stellvertretend für die Betriebe und für die Arbeiter:innen, durchgeführt werden. Es droht Bürokratismus, Ineffizienz und Willkür, vor allem aber führt es dazu, dass die Wirtschaft nur durch ein vollständiges und engmaschiges Netz von unterschiedlichen Räten, wie es Santillán in seinem Buch skizziert hatte31, koordiniert werden kann. Im Anschluss möchten wir ein ökonomisches Prinzip vorstellen, das eine autonome betriebliche Planung und zugleich eine einfachere Rätestruktur erlaubt. Wir denken, dass das Prinzip der Arbeitszeitrechnung nicht in Konkurrenz zu einer syndikalistischen Rätestruktur steht, sondern dass sich beides ergänzt.

4.Lebenszeit, Arbeitszeit

Der Gedanke, dass die Lebenszeit eines Menschen kostbar ist, ist vermutlich ein universell-menschlicher. Der römische Philosoph Seneca wunderte sich bereits 62 n.Chr., dass „niemand aber etwas schuldig zu sein glaubt, wenn er Zeit empfangen hat, während doch diese das einzige ist, was nicht einmal der Dankbare erstatten kann.“32 In der frühsozialistischen Utopie von Robert Owen spielten Arbeitszeit und Arbeitsscheine eine wichtige Rolle, ebenso in dem von Marx scharf kritisierten Arbeitsgeldsystem Pierre-Joseph Proudhons und auch im 21. Jahrhundert wird eine gerechtere Verteilung von Zeit (unter anderem von feministischen Autorinnen) gefordert.33 Zeitbanken gibt es in vielen Städten und sie dienen zur Koordination von nachbarschaftlichen Netzwerken oder sogar zur solidarischen Altersvorsorge.

Für Marx stand die Zeit als Arbeitszeit im Mittelpunkt des Interesses. Einerseits in seiner kritischen Analyse des Kapitalismus, wo die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit den Wert der Waren bestimmt, die menschliche Arbeit als wertbildende ausgebeutet wird und ein stetiger Kampf etwa um die Länge des Normalarbeitstags stattfindet. Andererseits müsse die Arbeitszeit aber auch im Kommunismus, wenn Ausbeutung, Konkurrenz und Warenproduktion abgeschafft sind, eine zentrale Größe sein. Marx schrieb in den „Grundrissen“, einer Vorarbeit für das Kapital, dass jede Gesellschaft, auch eine kommunistische, eine Interesse daran haben müsse, ökonomisch, d.h. sparsam, und zweckmäßig mit Zeit umzugehen: „Gemeinschaftliche Produktion vorausgesetzt, bleibt die Zeitbestimmung natürlich wesentlich. Je weniger Zeit die Gesellschaft bedarf, um Weizen, Vieh etc. zu produzieren, desto mehr Zeit gewinnt sie zu andrer Produktion, materieller oder geistiger. Wie bei einem einzelnen Individuum hängt die Allseitigkeit ihrer Entwicklung, ihres Genusses und ihrer Tätigkeit von Zeitersparung ab. Ökonomie der Zeit, darin löst sich schließlich alle Ökonomie auf.“34

In der Kritik des Gothaer Programms schlug Marx Arbeitszertifikate vor, um Produktion und Konsum in Gleichgewicht zu halten: Der Produzent „erhält von der Gesellschaft einen Schein, daß er soundso viel Arbeit geliefert (nach Abzug seiner Arbeit für die gemeinschaftlichen Fonds), und zieht mit diesem Schein aus dem gesellschaftlichen Vorrat von Konsumtionsmitteln soviel heraus, als gleich viel Arbeit kostet. Dasselbe Quantum Arbeit, das er der Gesellschaft in einer Form gegeben hat, erhält er in der andern zurück.“35

Die Gruppe Internationaler Kommunisten, und insbesondere ihr Mitglied Jan Appel, haben diese Marx’schen Überlegungen in den 1920er Jahren schließlich aktualisiert und erweitert, indem sie, inspiriert durch moderne Buchhaltungs- und Kontoführungstechniken, ein theoretisches System betrieblicher Autonomie und öffentlicher Kontrolle entwickelt haben. In diesem System veröffentlichen die Betriebe Pläne, worin sie die für die Herstellung eines bestimmten Produktes benötigte Arbeitszeit notieren. Im Gegenzug erhalten sie eine äquivalente Anzahl von Arbeitszertifikaten, mit denen sie Produkte anderer Betriebe konsumieren können, deren Kosten ebenfalls durch veröffentlichte Pläne bekannt sind. Jede geplante Arbeitsstunde in der Produktion, unabhängig ihres Inhalts, entspricht somit einer Stunde im Konsum. Die Betriebe treten direkt miteinander in Verbindung und durch ein Konten- und Girosystem werden die Prozesse transparent abgebildet.

Ein besonderer Betrieb, die allgemein gesellschaftliche Buchhaltung, kontrolliert die Pläne nach demokratisch bestimmten Regeln, verwaltet die Konten und sorgt dadurch für Transparenz. „Diese Buchhaltung ist Buchhaltung im wahren Sinne des Wortes“, schreibt die GIK, „sie ist nicht mehr als Buchhaltung. Allerdings ist sie der zentrale Punkt, wo alle Strahlen des Betriebslebens zusammenfließen, aber diese ökonomische Zentrale hat nicht die Führung, nicht die Verwaltung und auch nicht die Verfügungsmacht über Produktion und Verteilung. Die ‚Betriebsorganisation der allgemein gesellschaftlichen Buchhaltung’ hat nur in einem Betrieb etwas zu sagen, in ihrem eigenen.“36

Das Prinzip der Arbeitszeitrechnung wurde von der GIK einigermaßen detailliert ausformuliert, dabei hat die Gruppe aber stets darauf geachtet, nur „Grundprinzipien“ zu beschreiben. Es ging der GIK nie darum, eine genaue „Anleitung“ zu entwickeln, oder die zu schaffenden Organe und betrieblichen Verbindungen auszubuchstabieren. Die dargestellten Prinzipien müssen von Massenorganisationen mit Leben gefüllt werden.

5.Aspekte der Arbeitszeitrechnung

Wir wollen hier noch fünf Aspekte der Arbeitszeitrechnung herausgreifen, die ebenfalls in den „Grundprinzipien“ behandelt werden und von großer praktischer Bedeutung sind.

Erstens gibt es natürlich Produkte und Dienstleistungen, für deren Konsum keine Arbeitszertifikate notwendig sein sollen, die also „frei“ abgegeben werden. Man denke an Nahverkehr, Kinderbetreuung, Pflege, Gesundheit, Bildung. Um den öffentlichen Sektor, der solche Produkte bereitstellt, zu finanzieren, werden nicht alle Arbeitszertifikate an die Produzent:innen zum privaten Konsum ausgegeben, sondern teilweise zurückbehalten. Die Höhe dieses Abzugs wird durch einen „Auszahlungsfaktor“ berechnet, indem die Größe des öffentlichen Sektors zur Gesamtwirtschaft ins Verhältnis gesetzt wird. Im Endeffekt erhalten Arbeiter:innen pro gearbeitete Stunde beispielsweise nur noch 0,8 Stunden Zertifikat für den privaten Konsum. 0,2 Stunden fließen in den öffentlichen Sektor. Je mehr Produkte „frei“ abgegeben werden, desto kleiner wird der Auszahlungsfaktor: „Der Ausbezahlungsfaktor wird also immer kleiner in dem Maße, wie der Kommunismus wächst“, schreibt die GIK: „Ganz verschwinden kann er wahrscheinlich nie, weil es in der Natur der Sache liegt, dass nur solche Betriebe zum öffentlichen Typ übergehen können, welche die allgemeinen Bedürfnisse versorgen. Die mannigfachen Bedürfnisse, welcher der besonderen Eigenart der verschiedenen Menschen entspringen, werden wohl kaum in die gesellschaftliche Verteilung aufgenommen werden können.“37

Die Teilung der Wirtschaft in einen „produktiven“ und einen „öffentlichen“ Sektor sowie der Auszahlungsfaktor erlauben einen fließenden Übergang von einer niedrigen Phase des Kommunismus, wo der Konsum an Arbeitsnachweise gekoppelt ist, zu einer höheren Stufe, wo die Maxime gelte „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!“.

Zweitens gibt es eigentlich zwei Arten von Arbeitszertifikaten: für den privaten Konsum, die z.B. an Arbeiter:innen, Student:innen, Rentner:innen oder Arbeitsunfähige gehen, und für den produktiven Konsum, die ausschließlich auf Konten existieren. Wenn Betriebe Pläne erstellen, unterscheiden sie deshalb zwischen der im Betrieb geleisteten lebendigen Arbeit, die mit Zertifikaten für den privaten Konsum vergütet wird, und der in den verwendeten Produktionsmitteln steckenden Arbeit, für die sie von der Öffentlichen Buchhaltung einen Arbeitszeit-Kredit erhalten. Der Unterschied ist wichtig, denn Transaktionen zwischen Betrieben sollten aus Transparenzgründen „über das Giro“ laufen, denn nur „dann haben wir hier eine vollständige Erfassung des Güterverkehrs durch die gesamte Gesellschaft.“38 Der private Konsum läuft dagegen auch über gedruckte Arbeitszertifikate. Die Arbeiter:innen sind komplett frei in der Wahl ihrer Konsumprodukte. Dabei zählt jede gearbeitete Stunde gleich: Eine Programmiererin und eine Reinigungskraft erhalten für die gleiche Arbeitszeit die gleiche Anzahl an Arbeitszertifikaten, unabhängig von Tätigkeit, Geschlecht oder Herkunft.

Drittens sind die betrieblichen Pläne im Grunde ein Produktionsversprechen an die Gesellschaft. Im Gegenzug für dieses Versprechen erhalten die Betriebe ein Guthaben an Stunden, um die nötigen Produktionsmittel zu beziehen und die Arbeiter:innen mit Zertifikaten zu vergüten. Die Gesellschaft wird, um die Einhaltung dieses Produktionsversprechen zu überprüfen und um Verschwendung und Missbrauch zu verhindern, voraussichtlich ein Interesse an Plankontrolle haben. Diese Plankontrolle wird durch den erwähnten Betrieb der Öffentlichen Buchhaltung durchgeführt, der Pläne nach demokratisch beschlossenen, allgemeinen und gleichen Regeln genehmigt oder ablehnt. Ob ein Betrieb in der Vergangenheit gut geplant hat, ist ein wichtiges Kriterium in der Plangenehmigung, denn nur wenn die Betriebe gut planen, kann Angebot und Nachfrage im Gleichgewicht gehalten werden. Nach der GIK ist das keine unnötige kleingeistige Pedanterie sondern eine notwendige proletarische Forderung: „Wir fordern nun Garantien, dass wir das Entscheidungsrecht über die Produktionsmittel behalten. Deshalb fordern wir jetzt allgemein gültige Regeln, worüber die Produzenten die Produktion selber leiten und verwalten, wobei es eine genaue Kontrolle geben muss, um sicherzustellen, dass diese Regeln auch tatsächlich eingehalten werden.“39

Viertens gehen wir schließlich davon aus, dass selbstverwaltete Betriebe zur Kooperation neigen und sich in Branchenverbänden oder Gilden zusammenschließen. In diesen Branchenverbänden werden Durchschnittsarbeitszeiten von Produkten berechnet. Konsument:innen bezahlen somit also einen „Durchschnittspreis“: „Diese horizontale Zusammenführung ist jedoch kein ‚Kartell‘, das der Staatsbeamtenapparat vollstreckt und in dem die Produzenten von der Steuerung des Produktionsprozesses ausgeschlossen werden, sondern die Zusammenführung wächst aus den Betrieben selbst heraus. Das Wie und Warum ist für jeden Arbeiter völlig klar, ‚durchsichtig einfach‘, denn erstens verstehen die Arbeiter sehr gut, dass sie nicht gegeneinander ‚konkurrieren‘ können, und zweitens erfahren sie bald, dass eine planmäßige Produktion nur auf der Grundlage des gesellschaftlichen Durchschnitts möglich ist.“40

Fünftens bieten die Öffentlichkeit der Konten und Pläne sowie die allgemeinen Regeln der Plankontrolle Schutz vor Willkür und haben einige weitreichende Implikationen für den freiheitlichen Charakter der Arbeitszeitrechnung. Da mit den Kontenbewegungen die tatsächliche Nachfrage nach Produkten transparent vorliegt, bräuchte es gute, außerhalb der Arbeitszeitrechnung selbst liegende, Gründe, um einen Plan abzulehnen, dessen Produkt wie geplant produziert und nachgefragt wurde. Solche Gründe können durchaus bestehen und beispielsweise moralischer, ökologischer oder politischer Natur sein. Doch wenn solche Gründe nicht bestehen, sind Betriebe in erster Linie von der Nachfrage abhängig, d.h. die wirklichen Bedürfnisse der Menschen sind ausschlaggebend dafür, was produziert wird. Wir haben es also mit keiner Kommandowirtschaft zu tun, sondern mit einem ökonomischen Prinzip, das der Selbstverwaltung angemessen ist: „Bei diesem Gang von Produktion und Distribution wird von niemand etwas ‚zugewiesen‘. Es ist keine Verteilung durch Personen, sondern diese erfolgt durch die sachliche Produktion selber. Das Verhältnis der Produzenten zum gesellschaftlichen Produkt liegt in den Dingen selbst. Das ist dann auch die Erklärung des Geheimnisses, dass ein Staatsapparat in der Produktion nichts zu suchen hat. Das ganze Betriebsleben steht auf einem sehr reellen Boden, weil die Produzenten und Konsumenten den ganzen Prozess selbst leiten und verwalten können, und es zugleich keinen Nährboden für Ausbeutung und Unterdrückung gibt. Nur auf dieser Grundlage werden die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass der Staat ‚abstirbt‘“.41

6.Übergänge

Was fängt man nun mit dieser – zugegeben spröden und etwas langweiligen – Theorie an? Werden jemals Menschen für eine kommunistische Buchhaltung auf die Barrikaden gehen? Vermutlich nicht. Und doch sind wir überzeugt, dass die Arbeitszeitrechnung ein Baustein sein muss, um die Theorie und Praxis des freiheitlichen Sozialismus zu erneuern und mit neuem Leben zu füllen. Denn alle praktischen Menschen wissen, dass man von schönen Slogans alleine nicht satt wird. Auch am Tag nach der Revolution müssen die Regale gefüllt werden und schließlich haben alle arbeitenden Menschen ein Interesse daran, dass sie ihre Arbeit selbstbestimmt und in freier Kooperation mit anderen verrichten können. Die Arbeitszeitrechnung liefert hierfür ein egalitäres Prinzip.

Diese Theorie ist konkret genug, um auch schon im Hier und Heute Erfahrungen mit ihr zu machen. Ähnlich zu den existierenden Zeitbanken ließen sich Solidaritätsnetzwerke spannen, die auch Kollektivbetriebe mit einschließen. Eine App, die die wesentlichen Funktionen einer solchen Wirtschaft implementiert, wird bereits von uns programmiert.42 Ein wünschenswertes Ziel könnte sein, dass anarchistische und rätekommunistische Basisgruppen gemeinsam mit Gewerkschaften, Betriebsorganisationen usw. ein transnationales Netzwerk einer in Ansätzen selbstorganisierten und arbeitszeitbasierten Wirtschaft errichten, durch das sie nicht nur genügendes technisches Know-How erwerben, sondern auch eine Infrastruktur bereitstellen, die etwa im Falle sich verschärfender kapitalistischer Krisen die Möglichkeit bietet, eine immer breitere gesellschaftliche Versorgung auf nicht-kapitalistischer Basis bereitzustellen und auf ihren eigenen Grundlagen zu wachsen.

In den aktuellen Debatten treten Linke vor allem als Kritiker:innen auf, während die Rechte mit ihren repressiven, zum Scheitern verurteilten, aber recht konkreten Lösungsvorschlägen zunehmend Erfolg hat. Die Theorie der Arbeitszeitrechnung ist geeignet, klassischen Strängen der Arbeiter:innenbewegung, etwa der Genossenschaftsbewegung, dem Feminismus oder der Gewerkschaftsbewegung, eine gemeinsame Basis und eine positive Perspektive zu geben, die tatsächlich umgesetzt werden kann. Radikale Arbeitskämpfe, Betriebsübernahmen durch Belegschaften und die Gründung von Produktivgenossenschaften könnten in einem sinnhaften revolutionären Rahmen gedacht werden. Die eklatanten Vermögensunterschiede im Kapitalismus, die alltägliche Ausbeutung, die Konkurrenzlogik zwischen kapitalistischen Staaten, die ständige Bedrohung neuer Weltkriege dürfen nicht nur negativ kritisiert werden. Stattdessen muss diesen Entwicklungen eine positive Alternative entgegengesetzt werden, die historisch nicht kompromittiert und einfach genug ist, dass sie von allen Menschen verstanden werden kann.

Literaturverzeichnis

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  • Azzellini, Dario / Ness, Immanuel (Hrsg.): „Die endlich entdeckte politische Form“. Köln 2012

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  • Haug, Frigga: Die Vier-in-einem-Perspektive. Hamburg 2008

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  • Marx, Karl / Engels, Friedrich: Werke, Band 36. Berlin 1979

  • Marx, Karl / Engels, Friedrich: Werke, Band 42. Berlin 1983

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  • Seidman, Michael: Gegen die Arbeit. Über Arbeiterkämpfe in Barcelona und Paris 1936 – 38. Heidelberg 2011

  • Seneca: Vom glückseligen Leben. Stuttgart 1959

1Philips/Rozworski 2019; Daum/Nuss 2021

2Eine Liste aktuell debattierter Modelle findet sich unter https://www.democratic-planning.com/info/models/

3Gómez 2024: 13

4Santillán 2020: 211

5Siehe https://arbeitszeit.noblogs.org/es/basics/

6https://perspektivesv.noblogs.org/labor/

7Cibcom: Prólogo: Los „Principios fundamentales“ hoy, in: GIKH 2024 : 7f.

8Ruggeri 2018: 99

9Ruggeri 2018: 218

10Augustin Souchy: Anarcho-Syndikalisten über Bürgerkrieg und Revolution in Spanien. Eigene Übersetzung aus Santillán 1974: 438

11Ruggeri 2018: 183f.

12Engels an Eduard Bernstein vom 28.1.1884, in: MEW 36: 92

13Einleitung, in: Azzellini/Ness 2012: 11

14Behrens 2025. IDA plant, den Text 2025 zu veröffentlichen.

15GIK 2020: 95

16GIK 2020: 99ff

17GIK 2020: 104

18GIK 2020: 60f. Auch Dario Azzellini bemängelt, dass die Räteform an sich im Politischen verbleibt: „Die Selbstverwaltung von Produktion durch Arbeiter*innen, organisiert in Räteform, ist daher nach wie vor und mehr denn je die ‚endlich entdeckte politische Form, unter der die ökonomische Befreiung der Arbeit sich vollziehen‘ kann […]. Es bleibt jedoch eine ‚politische Form‘, und für die Emanzipation der Menschheit geht es letztlich darum, die Politik zu überwinden.“ (Azzellini 2018: 312)

19Schröter, Jens: Die sozialistische Kalkulationsdebatte und die Commons, in: Daum/Nuss 2021: 171.

20Gómez 2024: 168

21Bernecker 1978: 158

22Seidmann 2011: 205ff.

23Ruggeri 2018: 196

24Bernecker 1978: 104

25Bernecker 1978: 255

26Ruggeri: Einleitung, in: Santillán 2020: 9

27Santillán 2020: 262

28Santillán 2020: 190

29Santillán 2020: 200

30Santillán 2020: 160f.

31Ruggeri schreibt über Santilláns Vorschlag: „Diese Koordination erfolgt zwischen produktiven Einheiten, lokalen, regionalen und nationalen Organisationen. Das Schema basiert auf dem Fabrikrat (bestehend aus den Arbeitern und Technikern, die entweder ehemalige Eigentümer oder Führungspersonal sein können) oder auf Agrarräten; lokalen Gewerkschaften, Branchenräten und Regionalräten, bis hin zum föderalen Wirtschaftsrat.“ (Ruggeri 2018: 214). Ähnlich Bernecker: „Abad de Santilláns Organisationsentwurf ging vom einzelnen Betrieb als Mittelpunkt der Produktion aus. In den Revolutionen würden Fabrik- Betriebs- und Industrieräte gebildet, die die Produzenten nach direkt-demokratischen Prinzipien zu vertreten hätten. Für die überbetriebliche Arbeitsorganisation waren Handels- und Industriegewerkschaften vorgesehen. Auf wirtschaftlichem Gebiet sollten die Kommunen untereinander föderiert sein. Auch Santilláns Skizze basierte auf der Parallelität beruflicher und lokaler Organisationen.“ (Bernecker 1978: 153)

32Seneca 1956: 190

33Bücker 2022; Haug 2008

34MEW 42: 105

35MEW 19: 20

36GIK 2020: 212

37GIK 2020: 199f.

38GIK 2020: 206

39GIK 2020: 88

40GIK 2020: 146

41GIK 2020: 195

42https://github.com/ida-arbeitszeit/arbeitszeitapp