Es läuft aktuell eine Debatte zur Übergangsgesellschaft zum Kommunismus und zur Rolle der Arbeitszeitrechnung darin. Angestoßen wurde sie durch einen IDA-Vortrag auf einem antikapitalistischen Sommercamp im vergangenen Jahr. Daraufhin hatten wir einen schriftlichen Austausch mit der Gruppe „International Perspective“, der HIER (Englisch) nachgelesen werden kann. In die Debatte hat sich inzwischen auch Fredo Corvo eingeklinkt, dessen lesenswerter Beitrag HIER zu finden ist, sowie Hermann Lueer, dessen Beitrag wir im Folgenden veröffentlichen.
Moralische Gemeinschaft statt gesellschaftlicher Selbstbestimmung
Zum idealistischen Kommunismusbild von Internationalist Perspective
Von Hermann Lueer
Die Initiative Demokratischer Arbeitszeitrechnung (IDA) hat in einem Vortrag die marxistische Konzeption der Arbeitszeitrechnung als Grundlage kommunistischer Selbstverwaltung dargestellt. Darauf reagierte die Gruppe Internationalist Perspective in ihrem Artikel What are we fighting for? Mit einer ausführlichen Kritik, die Arbeitszeitrechnung als Fortsetzung kapitalistischer Formen zurückweist.
Die Kritik von Internationalist Perspective an der Arbeitszeitrechnung wirkt auf den ersten Blick radikal. Sie wendet sich gegen Lohnarbeit, Wert, Staat, Kontrolle, Zwang und jede Fortsetzung kapitalistischer Formen im Namen des Kommunismus. Gerade darin liegt ihre scheinbare Stärke. Doch bei näherer Betrachtung zeigt sich ein grundlegendes Problem: Die Kritik bestimmt nicht kategorial, warum Arbeitszeitrechnung notwendig Wert, Lohnarbeit oder Staat reproduzieren soll. Sie ersetzt diese Bestimmung weitgehend durch negatives Framing.
Wenn Arbeitszeitrechnung als „semi-wages“, „semi-money“ oder „semi-state“ bezeichnet wird, ist damit noch nichts erklärt. Diese Begriffe suggerieren eine Kontinuität mit kapitalistischen Formen, ohne zu zeigen, worin diese Kontinuität tatsächlich bestehen soll. Entscheidend wäre die Frage, ob Arbeitszeitrechnung die Arbeit weiterhin indirekt über den Tausch gesellschaftlich gültig macht oder ob sie gerade die bewusste, direkte Vermittlung gesellschaftlicher Arbeit ermöglicht. Diese Unterscheidung wird verwischt.
Der zentrale Fehler liegt darin, dass Internationalist Perspective die Kritik der Wertform mit der Kritik jeder gesellschaftlichen Maßbestimmung verwechselt. Marx kritisiert nicht, dass Gesellschaft überhaupt Aufwand, Bedürfnisse und Produkte ins Verhältnis setzt. Er kritisiert die spezifisch kapitalistische Form, in der diese Vermittlung über Wert, Ware, Geld und Markt hinter dem Rücken der Produzenten geschieht. Die Durchsetzung der Arbeitszeitrechnung hebt genau diese indirekte Vermittlung auf, indem gesellschaftliche Arbeit bewusst, transparent und allgemein nachvollziehbar geregelt wird.
Internationalist Perspective behandelt dagegen bereits die Messung von Arbeitszeit als Fortsetzung von Wert. Damit wird aber der Unterschied zwischen Wert und bewusster gesellschaftlicher Arbeitsrechnung eingeebnet. Wert ist nicht einfach Arbeitszeit. Wert ist Arbeitszeit in einer bestimmten gesellschaftlichen Form: als abstrakte Arbeit, die sich erst im Austausch als gesellschaftlich gültig erweist. Arbeitszeitrechnung im marxistischen Sinn meint gerade nicht diese nachträgliche Validierung über den Markt, sondern die direkte gesellschaftliche Anerkennung und Planung der Arbeit durch die Produzenten selbst.
Dass diese Unterscheidung verwischt wird, zeigt sich auch in Gilles Dauvés Behauptung, Arbeitszeitrechnung führe notwendig zur „Notwendigkeit, produktiv zu sein“. Das Argument verwechselt jedoch Produktivität mit ihrer kapitalistischen Form. Unter Kapitalismus herrscht Produktivität tatsächlich über die Produzenten, weil die Steigerung der Produktivkraft der Verwertung des Kapitals dient und dem Zwang der Konkurrenz unterliegt. Daraus folgt aber nicht, dass die bewusste gesellschaftliche Rechnung von Arbeitszeit selbst bereits kapitalistische Herrschaft reproduziert. Der Einwand ähnelt der frühen Maschinenkritik der Maschinenstürmer, bei denen nicht die kapitalistische Anwendung der Maschine kritisiert wurde, sondern die Maschine selbst. Analog dazu wird hier nicht die kapitalistische Form der Arbeitszeit kritisiert, sondern gesellschaftliche Arbeitszeitrechnung überhaupt. Eine kommunistische Arbeitszeitrechnung hätte jedoch gerade die entgegengesetzte Funktion: nicht die Unterwerfung der Produzenten unter Produktivität, sondern die bewusste Kontrolle des gesellschaftlichen Aufwands durch die Produzenten selbst.
Damit hängt ein zweites Problem zusammen. Der Kommunismusbegriff von Internationalist Perspective bleibt ökonomisch unbestimmt. Der Text spricht von menschlicher Gemeinschaft, Bedürfnissen, veränderter Arbeit, revolutionärer Begeisterung und bewusster Entscheidung darüber, was produziert und geteilt wird. Das sind sympathische Bilder, aber keine Bestimmung der Produktionsverhältnisse. Es bleibt offen, wie Bedürfnisse, Aufwand, Knappheit, Prioritäten und Produktion konkret vermittelt werden sollen. Die positive Form des gesellschaftlichen Zusammenhangs wird durch moralische Erwartungen ersetzt. Formulierungen wie „Die menschliche Gemeinschaft wird für die menschliche Gemeinschaft sorgen“ machen dies besonders deutlich: Die gesellschaftliche Vermittlung erscheint nicht als bewusst bestimmte Produktionsbeziehung, sondern als Resultat eines vorausgesetzten Gemeinschaftsgeistes.
Besonders deutlich wird das dort, wo Internationalist Perspective davon ausgeht, die Revolution werde die Menschen grundlegend verändern. Natürlich verändert revolutionäre Praxis Menschen. Aber daraus folgt nicht, dass sich die materiellen Probleme gesellschaftlicher Reproduktion von selbst lösen. Nahrung, Wohnungen, Pflege, Energie, Transport, Infrastruktur und ökologische Reparatur müssen organisiert werden. Bedürfnisse sind nicht Maß ihrer selbst. Sie stehen immer im Verhältnis zum gesellschaftlich notwendigen Aufwand ihrer Befriedigung.
Genau hier setzt häufig der naturalwirtschaftliche Einwand gegen die Arbeitszeitrechnung an. So behauptet Raoul Victor, es sei einfacher, Bedürfnisse und Produktionsmöglichkeiten unmittelbar in stofflichen Größen zu bestimmen als über gesellschaftliche Arbeitszeit – etwa den Milchbedarf von Kindern einerseits und die Anzahl der Kühe andererseits. Doch damit wird das eigentliche Problem gerade umgangen. Die bloße Kenntnis stofflicher Größen beantwortet nicht die Frage, welcher gesellschaftliche Aufwand für ihre Herstellung notwendig ist, wie unterschiedliche Produktionsverfahren und Prioritäten gegeneinander abgewogen werden und nach welchen Kriterien gesellschaftliche Arbeit insgesamt verteilt werden soll. Naturalgrößen beschreiben technische Bedingungen der Produktion, aber keine allgemeine Form gesellschaftlicher Vermittlung. Gerade deshalb benötigt auch eine kommunistische Gesellschaft ein transparentes gesellschaftliches Maß, das unterschiedliche Tätigkeiten und Bedürfnisse miteinander vergleichbar macht.
Wenn dieses Verhältnis nicht ausdrücklich bestimmt wird, verschwindet Vermittlung nicht. Sie wird nur unsichtbar. Dann entscheiden nicht mehr die Produzenten auf Grundlage einer transparenten gesellschaftlichen Rechnung, sondern informelle Autoritäten, moralischer Druck, situative Machtverhältnisse oder administrative Instanzen. Genau das deutet sich im Text selbst an, wenn statt Arbeitszeitrechnung ein „dynamic rationing system“ vorgeschlagen wird. Rationierung bedeutet notwendig Entscheidung über Zugang, Priorität und Knappheit. Die Frage ist dann: Wer entscheidet, nach welchen Kriterien, mit welcher Kontrolle?
Hier kippt die scheinbar antistaatliche Kritik in ihr Gegenteil. Arbeitszeitrechnung wird abgelehnt, weil sie angeblich Kontrolle und Zwang voraussetze. An ihre Stelle tritt aber eine unbestimmte Bedürfnisverwaltung, die ebenfalls regeln, zuteilen und priorisieren muss – nur ohne allgemeines transparentes Maß. Der Anspruch, Kontrolle zu überwinden, führt so zur Gefahr verdeckter Kontrolle. Der Anspruch, Wert zu überwinden, endet in einer unbestimmten Verwaltung von Knappheit.
Der entscheidende Punkt lautet daher: Nicht Arbeitszeitrechnung als solche erzeugt Herrschaft, sondern die Trennung der Produzenten von der Bestimmung ihres eigenen gesellschaftlichen Zusammenhangs. Arbeitszeitrechnung ist gerade das Mittel, diese Trennung aufzuheben. Sie verbindet die Verfügung über Produktionsmittel mit der Verfügung über das gesellschaftliche Produkt. Sie gibt den Produzenten eine allgemeine Grundlage, auf der sie ihre Produktionsverhältnisse selbst regeln können.
Internationalist Perspective dagegen setzt stark auf die moralische und kulturelle Transformation der Menschen. Damit wird Kommunismus tendenziell als Zustand vorgestellt, in dem die gesellschaftliche Vermittlung durch Gemeinschaftsgeist ersetzt wird. Das ist keine materialistische Bestimmung, sondern eine idealistische Hoffnung. Eine kommunistische Gesellschaft kann nicht auf der Erwartung beruhen, dass Bedürfnisse, Arbeitsaufwand und Verteilung sich durch veränderte Gesinnung harmonisieren. Sie braucht eine Form, in der diese Zusammenhänge bewusst geregelt werden.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob Kommunismus auf gesellschaftliche Vermittlung verzichten kann, sondern in welcher Form diese Vermittlung organisiert wird. Kommunismus im Sinne der Durchsetzung der Arbeitszeitrechnung bedeutet gerade nicht die Fortsetzung von Wert, Lohnarbeit oder staatlicher Kontrolle, sondern ihre Aufhebung durch die bewusste Selbstorganisation der Produzenten.
Mit der Aufhebung der Warenproduktion wird gesellschaftliche Arbeit nicht länger indirekt über Markt, Geld und Konkurrenz vermittelt, sondern unmittelbar als Teil der gesellschaftlichen Gesamtarbeit anerkannt. Die Produzenten verfügen dabei nicht nur formal über die Produktionsmittel, sondern zugleich über die allgemeine Grundlage, auf der sie ihren gesellschaftlichen Zusammenhang selbst regeln können. Arbeitszeitrechnung bedeutet in diesem Sinn nicht die Unterwerfung unter ein abstraktes Maß, sondern die bewusste und transparente Bestimmung des gesellschaftlichen Aufwands.
Gerade dadurch wird die Trennung zwischen Produktion und gesellschaftlicher Kontrolle aufgehoben. Die Produzenten stehen ihrer eigenen gesellschaftlichen Reproduktion nicht länger als fremder Macht gegenüber, sondern organisieren sie selbst. Fragen von Priorität, Aufwand, Bedürfnis und Verteilung erscheinen dann nicht mehr als blinde Resultate von Marktbewegungen oder administrativer Verwaltung, sondern als bewusst regelbare gesellschaftliche Verhältnisse. Kommunismus bezeichnet unter diesen Bedingungen nicht eine moralische Gemeinschaft, die auf veränderte Menschen oder spontane Harmonie vertraut. Er bezeichnet eine bestimmte gesellschaftliche Form, in der die Produzenten ihre Produktions- und Lebensverhältnisse bewusst selbst bestimmen. Die freie Assoziation der Produzenten bleibt deshalb nicht bloß politisches Ideal, sondern erhält erstmals ihre reale ökonomische Grundlage.
