Stefan Meretz hat kürzlich einen Essay veröffentlicht, in dem er auf eine Kritik von Hermann Lueer1 an seinem gemeinsam mit Simon Sutterlütti verfassten Buch „Kapitalismus aufheben“ reagiert und dabei noch einmal eine grundsätzliche Kritik an der Notwendigkeit einer allgemeinen ökonomischen Maßeinheit („unit of account“) formuliert.2 Da es hier in letzter Instanz nur um die Arbeitszeit als allgemeinem Maß gehen kann, möchten wir seinen Text hier veröffentlichen, aber auch Stellung dazu nehmen.
Konkret-allgemeines Maß
Zunächst einmal weist Meretz die Notwendigkeit eines allgemeinen Maßes für eine auf die mannigfachen Bedürfnisse der Menschen ausgerichtete kommunistische Wirtschaft zurück mit dem grundsätzlichen Argument, dass jedes allgemeine Maß eine eben nur abstrakte Allgemeinheit setze, die sich gleichgültig gegenüber allen qualitativen, stofflichen Unterschieden verhalte und diesen gar eine fremde Logik überstülpe. Dabei sei es völlig unerheblich, ob man Geld, Arbeitszeit, Energie oder sonst was zum allgemeinen Maß erhebe: „…es wäre auch ein beliebiges anderes Maß denkbar, das einen hinreichend allgemeinen Charakter hat…“
Doch auf dieser abstrakt-allgemeinen Ebene verfehlt er schon den eigentlichen Punkt. Denn die Arbeitszeit ist nicht eine beliebige Maßeinheit neben vielen anderen, sondern sie ist das menschliche Maß schlechthin. Was immer Menschen tun, immer müssen sie einen Teil ihrer Lebenszeit dafür hergeben. Ein Tag hat nur 24 Stunden und die Lebenszeit von Menschen ist begrenzt. In diesem Sinne wird es sie immer interessieren, wie sie über ihre Zeit verfügen – oder ob andere dies tun.
Dass dieser Umstand von den Verfechtern des Commonismus verdrängt bzw. verkannt wird3, wird nicht zuletzt dadurch ersichtlich, dass Meretz die Maßeinheit des Geldes direkt neben die Arbeitszeit stellt, so als hätte Marx im ersten Band des Kapitals nicht nachgewiesen, dass in dem Wert der Waren und ihrem Geldausdruck (sei er nun Goldware oder bloßes Wertzeichen) sich die gesamtgesellschaftliche Durchschnittsarbeitszeit geltend macht. Die Arbeitszeit reguliert auch dann die Ökonomie, wenn sie nicht zum bewussten Maß erhoben wird. Doch um Wertproduktion geht es innerhalb der Arbeitszeitökonomie überhaupt nicht, sondern um eine transparente Vermittlung von Bedarf und Aufwand für die verschiedenen Güter einer Ökonomie.
In diesem Sinne ist die Arbeitszeit genau die konkrete Allgemeinheit, die Meretz in seinem Text einfordert, denn wie kann es eine Vermittlung geben ohne ein Vermittelndes? Bei ihm dagegen sollen die Bedürfnisse sowohl das Vermittelnde als auch das zu Vermittelnde sein, ein Unding, wie er selber feststellen muss, weswegen zwischen die Bedürfnisse im Grunde »Schiedsrichter«, Mediatoren, Fishbowl-Sessions, Meta-Commons etc. eingeschoben werden müssen. Aber auch solche polit-pädagogischen Instanzen werden schwerlich ohne Sachkenntnisse Entscheidungen treffen können.
Unit-of-Account vs. In-Kind?
Natürlich muss auch Meretz davon ausgehen, dass es sachliche Informationen über physikalische Mengen und Größen der verschiedenen Produkte, Energieverbrauch, Lieferketten etc. geben muss, damit vernünftige Entscheidungen getroffen werden können. Diese stellt er sich in Form einer in-kind-Rechnung „multidimensionaler Naturalgrößen“ vor, welche er der Rechnung mit einer generellen unit-of-account gegenüberstellt. Doch hier rächt sich erneut seine Fehlannahme, die Arbeitszeit als eine beliebige Maßeinheit unter vielen anderen zu betrachten. Denn 100 Tonnen Stahl, 500 Meter Leinwand oder 200 Kilowattstunden Strom sind immer auch Ausdruck bestimmter Arbeitsmengen, von so und so viel Stunden Arbeit. D.h. auch eine Naturalplanung müsste am Ende den Arbeitsaufwand für die verschiedenen Produkte ermitteln. Dieser stünde in der Rechnung von Meretz sozusagen »neben« den Naturalgrößen als eigener Posten. Das kommt eher einer Sichtweise der kapitalistischen Betriebswirtschaftslehre nahe, für die Arbeit auch nur eine Ressource neben vielen anderen ist.
Innerhalb der Arbeitszeitrechnung werden die Naturalgrößen unmittelbar auch als bestimmte Arbeitsmengen dargestellt. Es ist daher vollkommen irreführend, die Naturalplanung der Arbeitszeitrechnung als absolute Gegensätze gegenüberzustellen. Tatsächlich würden die Betriebe hier immer konkrete physische Mengen angeben (was sowohl den Verbrauch an Produktionsmitteln als auch die Endprodukte betrifft) und welchen Aufwand an Arbeit dies für die Gesellschaft bedeutet.
Dies hat übrigens nur formelle Ähnlichkeit mit dem was Meretz als „Doppelrechnung“ bezeichnet, die im Kapitalismus aus dem Doppelcharakter der Ware herrührt, Tauschwert und Gebrauchswert zu sein, denn das Geld verfälscht im Grunde jede exakte Auskunft über die Aufwände. Dies nicht nur, weil sich für kapitalistische Betriebe der Arbeitsaufwand immer in bezahlte und unbezahlte – lediglich als Gewinn erscheinende – Arbeit aufspaltet (ein Umstand, den die sog. Wertkritiker immer schwerer zu begreifen scheinen, weil für sie jede Form der Arbeitsvergütung „Lohn“ ist), sondern auch, weil die Preise der verschiedenen Produkte steigen und fallen können, unabhängig von ihrer Wertveränderung.
Bei Kalkulation auf Basis der Arbeitszeitrechnung gibt ein wachsender oder schrumpfender Arbeitsaufwand unmittelbar Auskunft über den Stand der Produktivkraft der Arbeit in einem Betrieb, einer Branche, schließlich der Gesamtgesellschaft. Diese Information könnte wichtig sein, zumindest wenn man annimmt, das Zeit ein wesentlicher Faktor ist.
Das bedeutet also: Einzelbetriebe erstellen Pläne, indem sie physische Mengen und die dazugehörigen Arbeitsaufwände ermitteln, weil nur sie zuverlässige Informationen darüber besitzen. Aus den vielen Einzelplänen kann dann auch eine datenbasierte Übersicht erstellt werden, die auch Auskunft darüber gibt, welchen Anteil die verschiedenen Produktionszweige an der Gesamtarbeit einnehmen. Um zu verdeutlichen, dass eine solche Auskunft über die proportionale Verteilung der Tätigkeiten auf die Gesamtarbeit relevant ist, greifen wir Meretz’ Wohnprojektbeispiel wieder auf.
Wohnprojekte, oder: Wie Ansprüche stellen ohne Leistungen zu geben zum Alptraum wird
Dass Meretz ausgerechnet Wohnprojekte als Beispiel für gelungenes bedürfnisorientiertes Commoning nennt, ist geradezu provokant. Es ist nur allzu sehr bekannt, dass in solchen Zusammenhängen (ähnlich wie in Kollektivbetrieben) um nichts so sehr gestritten wird, wie um die ungleiche Verteilung von Arbeitsaufgaben. Alle Bewohner:innen haben Bedürfnisse – individuelle ebenso wie geteilte –, aber nur wenige erscheinen zu den Arbeitseinsätzen, immer dieselben Leute fühlen sich für Aufgaben wie Finanzbuchhaltung, Haustechnik, Gartenpflege, Sauberkeit etc. verantwortlich, während andere sich über den Druck beklagen, der auf sie ausgeübt werde, weil sie nichts zum gemeinsamen Wohnprojekt beigetragen haben. Das ganze vertikal durchzogen vom Konflikt der Geschlechter. Um den Hausfrieden zu wahren, werden – soweit genügend Kapital vorhanden – ganze Aufgabenbereiche externalisiert und an Handwerksfirmen übertragen, damit alle noch genügend Zeit haben, ihren Freizeitvergnügungen nachzugehen. Kurzum: Wohnprojekte sind oftmals ein gutes Beispiel für eine misslungene Ökonomie der Zeit und jede noch so rudimentäre Form der Arbeitszeitrechnung würde jedem Wohnprojekt guttun, was de facto auch geschieht, denn ist nicht jeder WG-Putzplan schon eine primitive selbstorganisierte Form der egalitären Arbeitsverteilung?
In diesem Sinne ist Hermann Lueers Aussage wieder aufzugreifen, dass es verlässliche Informationen über Arbeitsaufwände braucht, um abwägen zu können, welchen Bedürfnissen man realistischerweise Rechnung tragen kann. Nehmen wir das Wohnprojekt: Angenommen, das Wohnprojekt müsste sich allein durch Arbeiten seiner Bewohner:innen reproduzieren. Nun haben einige Bewohner:innen das Bedürfnis, eigene Toiletten zu haben. Weil man ihren Bedürfnissen gerecht werden möchte, wird eine sechsmonatige Bauphase veranschlagt, die die Arbeit aller erfordert. Nun stellt sich heraus, dass alles doch länger dauert als gedacht und man ist ein ganzes Jahr damit beschäftigt. Dabei wurde der Gartenbau völlig vernachlässigt, es gibt kein Gemüse, die Mitbewohnis verhungern…außerdem regnet es durchs Dach.
Das Beispiel ist natürlich völlig absurd, schon deswegen, weil ein solcher Zusammenhang sich glücklicherweise nicht allein durch die eigene Arbeit reproduzieren muss. Die Gesamtgesellschaft muss das aber schon. Jedes noch so legitime Bedürfnis erfordert die Arbeit Dritter sowie deren Bereitschaft, diese Arbeit auch zu leisten. Davon abgesehen benötigt man Informationen darüber, welche Ressourcen es benötigt, um die Bedürfnisse zu befriedigen, wie hoch der Arbeitsaufwand (in Stunden) ist, um diese Ressourcen herzustellen sowie welchen Anteil dieser Aufwand an der der Gesellschaft zur Verfügung stehenden Gesamtarbeit (in Stunden) etwa hat. Schließlich könnte sich ja herausstellen, dass bestimmte Vorhaben einen so großen Anteil an der Gesamtarbeit in Anspruch nehmen, dass in anderen Bereichen eine Unterversorgung entsteht.
Arbeitszeitrechnung in der Planung ist schon deswegen unumgänglich, damit eine vollwertige Reproduktion der Gesamtgesellschaft, bei proportionaler und bedarfsgerechter Verteilung der Arbeiten auf die verschiedenen Sektoren der Ökonomie überhaupt möglich ist. Was im Kapitalismus chaotisch, d.h. durch die Konkurrenz und den fremdgesteuerten Mechanismus der Profitraten erfolgt, soll im Kommunismus ja bewusst und planvoll erfolgen.
Die Wiederkehr des Verdrängten
Wir wollen Meretz keineswegs unterstellen, dass er den Faktor der Arbeitszeit völlig außer Acht lässt. Ganz im Gegenteil taucht er am Ende seines Essays dann wieder auf. Mit Blick auf das Geschlechterverhältnis spricht er sich immerhin für eine Phase des Übergangs für eine – wie auch immer geartete – „Zeitdokumentation“ aus. Auch hinsichtlich der Organisation von Produktionsketten soll die Planung entlang von „Realvariablen wie Arbeitszeit, Material und Energie“ erfolgen. Dass Material und Energie auch Arbeit, nur in verwandelter Form sind, wurde schon gesagt. Viel frappierender ist aber, dass die Planungsautonomie – entgegen aller Behauptungen – eine enorme Einschränkung erfahren durch „spezialisierte Meta-Commons“, an die Planungsaufgaben delegiert werden können. Der Zusammenhang mit den tatsächlichen Bedürfnissen und deren Folgen für die Gesamtwirtschaft soll wiederum durch die Simulation von Szenarien erfolgen, für die wiederum bestimmte Meta-Commons zuständig sind. Doch wie will man dabei dem Teufelskreis entkommen, dass jede Simulation schon Auswirkungen auf jede andere Simulation hat? Wie ist das Verhältnis zwischen Simulationen und tatsächlichen Entscheidungen, da jede Entscheidung ja wiederum jede davon abhängige Simulationsvariable beeinflusst. Gibt es so etwas wie eine »Welt-Meta-Simulation«, die alle lokalen Simulationen berücksichtigt? Meretz sagt, dieser Ansatz erfordere „kein vollständiges Modell der Welt“. Kurz davor schlägt er aber folgendes mit KI simuliertes Szenario beispielhaft vor: „Was würde es für die einzelnen Sektoren bedeuten, wenn wir global das 1,5-Grad-Ziel einhalten? Schlag mir fünf Szenarien vor.“ Ist das etwa kein globales Szenario?
Solche Modelle drohen das Band zwischen Selbstverwaltung und Planung zu zerreißen. Dass Expert:innen-Commons simulieren und Produzent:innen-Commons ausführen hat mehr Ähnlichkeit mit dem cyber-zentralistischen Planungsmodell von Cockshott und Cottrell als den Vertreter:innen des Commonismus lieb sein dürfte. Wenigstens sollte dabei die Gefahr der Dominanz der geistigen über die körperliche Arbeit beim Namen genannt werden. Denn was gelten die Beschlüsse der Produzent:innen oder die Bedürfnisse der Menschen noch, wenn die Expert:innen, die die Wissenschaft auf ihrer Seite haben, es immer schon besser wissen? Oder ist man womöglich gerade deshalb gegen die Arbeitszeitrechnung, weil hierdurch für die Produzent:innen ersichtlich würde, dass sie die Berufsmediator:innen und Simulations-Expert:innen die ganze Zeit mit durchfüttern?
Wie dem auch sei, wir wollen festhalten, dass die Arbeitszeitrechnung sowohl auf entscheidende ökonomische wie politische Probleme antwortet: Zum einen vermittelt sie Produktion und Bedarf. Eine gesellschaftliche Buchführung ist nämlich nur dann sinnvoll, wenn dem Input von Arbeit am anderen Ende auch eine irgendwie geartete Registrierung von Entnahmen entspricht (vor allem mit Blick auf materielle Güter). Das müsste nicht einmal durch die Kopplung der Arbeitsscheine an Leistungen der jeweiligen Arbeiter:innen geregelt sein. Theoretisch denkbar wäre auch, dass man einfach die Gesamtmenge an Arbeitsscheinen, die der Menge an insgesamt verausgabten Arbeitsstunden entspricht, gleichmäßig (oder auch nach akutem Bedarf) auf alle Bevölkerungsteile verteilt oder die Entnahme von Produkten wird einfach nur informationstechnologisch registriert. Letzteres setzt aber die gesellschaftliche Reife voraus, dass sich die Menschen nur das zu nehmen, was sie tatsächlich auch benötigen. Alles andere gefährdet die gesellschaftliche Reproduktion.
Das führt uns zu einem weiteren wichtigen Punkt: Es könnte im Interesse von Menschen liegen, dass in gewisser Weise »Leistungsgerechtigkeit« herrscht. Man mag noch so sehr über den „engen bürgerlichen Horizont“ (Marx) einer solchen Denkweise die Nase rümpfen. Wer nicht anerkennt, dass dies ein Bedürfnis der empirischen Menschen ist, der wird sich mit seinem radikal bedürfnisorientierten Ansatz niemals verständlich machen. Denn wir haben es mit Menschen zu tun, wie sie aus dem Kapitalismus herkommen und es geht doch letztlich zunächst einmal darum der durch den Kapitalismus geschaffenen Aneignungsmaschinerie aus fraglichen Lohnunterschieden Profiten, Zinsen, Renten und Steuern den Riegel vorzuschieben und dabei die verschiedenen Arbeiten unabhängig von Alter, Geschlecht, Herkunft und Berufsfeld als voll- und gleichwertigen Beitrag zur Gesellschaft anzuerkennen – und zwar sichtbar anzuerkennen.
So lange die Verfechter eines Commonismus der Arbeitszeit nicht den ihr gebührenden Platz einräumen, wird sich das Faktum, dass alle Ökonomie eine Ökonomie der Zeit ist, unter der Hand geltend machen. Deshalb müssen sie sich auch den Kopf darüber zerbrechen, wie man einen Überbau aus Meta-Commons zwischen die Betriebe sowie zwischen die Produktion und die Bedürfnisse einschieben kann. Leichter wäre es, wenn die Betriebe in einem direkten Austausch miteinander und mit den Konsumgenossenschaften stünden, geregelt nach einem Verfahren der öffentlichen Buchführung. Ein dezentraler – über Zertifikate regulierter – Mechanismus der Güterverteilung wäre auch nicht mit dem Problem konfrontiert, alle möglichen Bedürfnisse im Vorhinein erfassen zu müssen. Bedürfnisse sind schließlich auch nicht einfach etwas Gegebenes – sondern sie kommen mit den Produkten und Leistungen, die angeboten werden.
Abschließende Erwiderungen
Zuletzt möchten wir noch auf Meretz’ Argument eingehen, dass auch die Arbeitszeit als abstrakt-allgemeines Maß einen Mechanismus der gesellschaftlichen Fremdsteuerung erzeuge, der entsprechende Entfremdungsphänomene (Arbeitszwang, geschlechtliche Sphärentrennung, Externalisierungen) nach sich zöge, auch wenn wenig Hoffnung darauf besteht, dass dieses Lieblingsphilosophem von Meretz und Co. sich einmal auflösen ließe, weil sie immer von der formellen Analogie ausgehen, dass ein allgemeines Maß gleich Geldwirtschaft ist.
Arbeitsscheine sind weder Lohn noch Geld: Weder repräsentieren sie den Wertausdruck der Reproduktionskosten der Arbeitskraft, denn sie vergüten stattdessen unmittelbar geleistete Arbeit, noch können sie für etwas anderes verwendet werden als für den Bezug von individuellen Konsumtionsmitteln. Marx verglich sie mit Theatermarken: Sie werden nach ihrer Einlösung vernichtet und dienen lediglich der Registrierung der Entnahme. Daher werden Arbeitsscheine von den Betrieben auch nicht akkumuliert. Betriebe bekommen für ihre bewilligten Produktionspläne Stundenguthaben, um ihr Produktionsversprechen einzulösen. Nachdem die Produkte abgegeben worden sind, landen die Konten der Betriebe wieder auf Null. Damit wird der Gesellschaft signalisiert, dass der Betrieb sinnvolle, weil nachgefragte, Gebrauchsgüter produziert hat. Vermögenswerte werden weder angehäuft noch transferiert.
Zweifellos bilden in unserem Konzept die Arbeitsscheine einen Verteilungsmechanismus, der zunächst das Konsumniveau an die individuell geleistete Arbeit knüpft. Doch das heißt nicht, dass es sich hierbei um eine Form der gesellschaftlichen Fremdsteuerung handelt. Vielmehr geht es hier um einen Versuch, Wirtschaft und Gesellschaft unter der Maßgabe politischer Gleichheitsgrundsätze langfristig zu transformieren und dabei unter die bewusste Kontrolle derjenigen zu bringen, die den gesellschaftlichen Reichtum produzieren. Gerne wird bei der Kritik der Arbeitszeitrechnung übersehen, dass die Betriebe einerseits selbstverwaltet, also Commons sind, andererseits aber einer öffentlichen Kontrolle unterstehen, wodurch die Interessen aller betroffenen Gesellschaftsglieder, inklusive der Nichtarbeitenden, berücksichtigt werden können.
Dass sich die arbeitende Bevölkerung gegen eine Ausdehnung des öffentlichen Sektors entscheiden würde, ist eine Unterstellung von Meretz. Dabei beruft er sich auf eine Kritik von Hermann Lueer an unseren Überlegungen, die private Reproduktionsarbeit als Beitrag zum öffentlichen Sektor zu vergüten. In unserer Erwiderung zu Lueer haben wir darauf hingewiesen, dass die Arbeitszeitrechnung unserer Ansicht nach gerade die ideale „objektive Grundlage“ wäre, Reproduktionsarbeiten – auch im privaten Bereich – zu berücksichtigen, weil sie auch offenlegen würde, welche Folgen das für die Gesellschaft haben hätte: Nämlich eine Neuregelung von Arbeit und Konsum. Die Produzent:innen des sog. produktiven Sektors müssten mehr arbeiten, um ihr gleiches Konsumniveau zu halten, während etwa Menschen, die im privaten Bereich Sorgearbeit leisten weniger arbeiten müssten, da diese Arbeit vergütet wird – der berühmten Doppelbelastung von Frauen wäre damit die materielle Grundlage entzogen.4 Das ist gerade die Auseinandersetzung, die geführt werden muss, wenn Reproduktion als gleichwertige Arbeit einbezogen werden soll. Der von Meretz angeführten „Zeitdokumentation“ wäre damit auch ein realer Gehalt verliehen. Denn was nützt eine bloße Dokumentation bzw. welche Folgen hätte sie?
Ebenso haltlos ist die Behauptung, eine Planung auf Grundlage der Arbeitszeit würde notwendig zu Externalisierung von Kosten führen. Meretz scheint implizit vorauszusetzen, Betriebe seien immer noch so etwas wie privatrechtliche Verbände, die schalten und walten können, wie sie wollen. Doch gerade das ist nicht der Fall. Die betriebliche Selbstverwaltung untersteht zugleich der öffentlichen Kontrolle – es gibt keine Betriebsgeheimnisse mehr. Damit unterliegen die Produzent:innen einer doppelten Verantwortung. Indem sie Verantwortung für die Gesellschaft übernehmen, übernehmen sie die Verantwortung für ihre eigene Entscheidungen. Der ständige Vergleich, den die Wertkritiker:innen in diesem Zusammenhang mit dem Betriebsleben der DDR herstellen, ist einfach nur absurd, weil es in der DDR überhaupt keine betriebliche Selbstverwaltung gegeben hat. Der Staat hatte die vollständige Verfügungsgewalt über die Produktion inne, was zu einer totalen Entfremdung und Gleichgültigkeit der Lohnarbeiter:innen gegenüber ihrer Arbeit führte. Letzteres einfach daran festzumachen, dass in der DDR mit einer generellen unit of account geplant wurde, ohne die konkreten Produktionsverhältnisse zu berücksichtigen, ist wahrhaft abstraktes Denken im schlechtesten Sinne.
Außerdem wird unserer Ansicht nach eine Gesellschaft, die sich in dem gigantischen ökologischen Transformationsprozess befindet, der absolut notwendig ist, um die Katastrophe zu verhindern oder zumindest abzuschwächen, vielmehr ein Interesse daran haben zu erfahren, was sie die »Reparatur« des Ökosystems und die Umrüstung auf nachhaltige Produktionstechniken an Arbeit kosten wird.
Statt von einer „Überwindung aller Sphären“ (Privat-Öffentlich, Betrieb-Wohnung, Arbeit-Freizeit) zu träumen, von der nicht einmal klar ist, wie sie politisch erwirkt werden soll, wenn sich die Menschen nicht dafür entscheiden, stünde es der Theorie des Commonismus gut zu Gesicht, ihre Überlegungen erst einmal auf eine ökonomische Basis zu stellen. Die Enteignung und Vergesellschaftung kapitalistischer Betriebe ist (als im weitesten Sinne politischer Gewaltakt) eine Sache; eine andere ist es, Menschen dazu zu bewegen nicht mehr Kleinfamilien zu bilden und in Kollektiven zu wohnen. Zwar hat der Commonismus die Bedürfnisseite innerhalb der Debatte um eine postkapitalistische Gesellschaft zu Recht ernst genommen wie wenig andere Theorien – schließlich liegt ja auch bei uns der Fokus zugegebenermaßen eher auf der Produzent:innenseite. Aber eine echte Vermittlung beider Seiten kann nur dann gelingen, wenn die Arbeitszeit als objektiver Maßstab ihr Medium ist.
1 Online unter: https://arbeitszeitrechnung.org/kritik-des-commonismus/ Stand: 08.08.2026
2 Online unter: https://keimform.de/2026/das-problem-der-vermittlung/ Stand: 24.06.2026
3 Vgl. https://arbeitszeitrechnung.org/abschaffung-des-arbeitszwangs/ Stand: 08.08.2026
4 Online unter: https://nextcloud.arbeitszeitrechnung.org/s/QnfcS83jqSmjJGi Stand: 24.06.2026

