Die Chance der Arbeitszeitrechnung für das Problem der privaten Reproduktionsarbeit

Abstract

Wie kann private Reproduktionsarbeit im Sozialismus vergesellschaftet werden? Der Text analysiert politische, kulturelle und strukturelle Besonderheiten privater Reproduktionsarbeit und zeigt, inwiefern die Arbeitszeitrechnung ein Werkzeug sein könnte, sie ökonomisch und damit auch politisch anzuerkennen.

Einführung in die Arbeitszeitrechnung

Die Arbeitszeitrechnung nach der „Gruppe Internationaler Kommunisten“ (GIK) von 1930 beschreibt ein Modell rätedemokratischer Vergesellschaftung, in dem nicht Geld, sondern Arbeitszeit das Maß gesellschaftlicher Produktion und Verteilung bildet. Eine geleistete Arbeitsstunde wird als eine Arbeitsstunde vergütet, unabhängig davon, welcher Tätigkeit jemand nachgeht. Keine Arbeit wird höher oder niedriger bewertet als eine andere, denn Unterschiede in der Vergütung, so plausibel sie auf den ersten Blick auch erscheinen mögen, bereiten in einer Gesellschaft mit bestehenden Macht- und Diskriminierungsstrukturen immer wieder Mittel und Wege zu Ungleichheit und Unterdrückung. Die Überlegungen des amerikanischen Sozialwissenschaftlers Robin Hahnel zu seiner partizipatorischen Planwirtschaft (Parecon) zum Beispiel klingen zwar auf den ersten Blick fair: Arbeit soll nach Zeit, Anstrengung und Aufwand entlohnt werden.1 Doch in einer Gesellschaft, die noch von solch stark diskriminierenden Strukturen durchzogen ist (z.B. Rassismus, Patriarchat, Queerfeindlichkeit, Ableismus), kann auch eine radikal demokratische Entscheidung über Entlohnung schnell dazu führen, dass bestimmte Tätigkeiten abgewertet werden2. Im heutigen Wirtschaftsliberalismus wird behauptet, hohe Gehälter seien durch besondere Verantwortung gerechtfertigt. Doch eine Erzieherin, die nach dem Ausfall von Kolleg*innen dafür sorgen muss, dass keinem von fünfundzwanzig Kindern etwas zustößt, „verdient“ dafür ziemlich wenig. Solche Bewertungen sind nicht nur Ausdruck kapitalistischer Interessen, sondern zeigen, wie tief ungleiche gesellschaftliche Wertmaßstäbe in die Wahrnehmung von Arbeit eingeschrieben sind. Nur wenn jede Stunde Arbeit als gleichwertig gilt, kann verhindert werden, dass Menschen über ihre Tätigkeit in materielle Abhängigkeit und soziale Ungleichheit gedrängt werden.

Die Produktion im Modell der Arbeitszeitrechnung beruht auf der Selbstorganisation der Arbeiter*innen. Für die geleistete Arbeit erhalten die Produzierenden Zertifikate (im Folgenden „Arbeitszertifikate“), die ihrem individuellen Arbeitszeitanteil entsprechen. Mit den Arbeitszertifikaten können Arbeitende in einem sogenannten „Produktiven Sektor“ Güter und Dienstleistungen konsumieren. Daneben besteht ein „Öffentlicher Sektor“, in dem Güter und Dienstleistungen allen Menschen frei zur Verfügung stehen, ohne dass dafür Arbeitszertifikate nötig sind.3 Ob etwas zum öffentlichen oder produktiven Sektor gehört (z.B. Bildung, Gesundheit, Mobilität), wird demokratisch entschieden. Der öffentliche Sektor darf nicht mehr Arbeitsleistung, Rohstoffe und Produktionsmittel verbrauchen, als im produktiven Sektor hergestellt wird. Diese Ausgeglichenheit bildet die Grundlage einer wirtschaftlichen und somit der gesellschaftlichen Stabilität. Der „Faktor individueller Konsum“ (im Folgenden: FIK) drückt mathematisch den Anteil aller Arbeit aus, den die Gesellschaft dem öffentlichen Sektor zuordnet. Je größer der öffentliche Sektor, desto kleiner der Stundenwert des Arbeitszertifikates. Das heißt: für eine geleistete Stunde Arbeit erhalte ich für mein Zertifikat entsprechend weniger Arbeitszeit durch den vom FIK bestimmten Anteil. Wenn der FIK beispielsweise 0,5 beträgt, bekomme ich für eine Stunde Arbeit nur ein halbes Zertifikat zurück. Der Teil, der mir von meiner gearbeiteten Stunde abgezogen wird, bildet buchhalterisch für alle jenes „Nehmen nach Bedarf“ durch den öffentlichen Sektor ab.

Diskriminierung und Marginalisierung in der Reproduktionsarbeit

Im Folgenden werden beispielhaft einige Tätigkeiten der privaten Reproduktionsarbeit zur Veranschaulichung einer ökonomischen und politischen Problematik beschrieben. Einige Arten der privaten Reproduktionsarbeit sind offensichtlich, zum Beispiel die Sorge um Angehörige mit Pflegebedarf oder die Betreuung von Kleinkindern.

Vereinfachend könnte man vielleicht den Gegenstand der privaten Reproduktionsarbeit in zwei Konfliktfelder aufteilen: als eine Sonderform der Arbeitsorganisation im Kapitalismus (gesellschaftlich notwendig, aber unsichtbar gehalten und nicht vergütet) und als Symptom der Diskriminierung von vor allem Menschen mit weiblicher sozialer Identität. Auch die Erwerbsarbeit im Pflege- oder Erziehungsbereich ist in Deutschland Teil des Niedriglohnsektors, in dem vorwiegend Frauen beschäftigt sind.4 Frauen, trans- und nicht-binäre Personen, sind immer noch weitgehend finanziell schlechter gestellt als Männer5 oder sogar von ihnen abhängig, geraten mit größerer Wahrscheinlichkeit in Altersarmut, müssen also mehr arbeiten (vor allem, wenn man bezahlte und unbezahlte Arbeit zusammenzählt). Damit haben sie auch weniger Zeit für politische Kämpfe.

Als Antwort auf die anhaltende materielle und soziale Diskriminierung von Frauen und gender-nonkonformen Personen wächst seit Jahrzehnten die Vision, heteronormative Geschlechter-identitäten fortwährend zu relativieren und dadurch die Zuschreibung von Sorge, Pflege, Mitgefühl usw. zur ausschließlich weiblichen sozialen Identität weiter aufzulösen. Zwar können auch Männer zu Hause Reproduktionsarbeit leisten, die Entscheidung dafür wird aber dadurch erschwert, dass sich Familien mit der Tatsache konfrontiert sehen, auf das überwiegend höhere Gehalt von Männern angewiesen zu sein. Nach neun Monaten Schwangerschaft und der intensiven Bindung zum Neugeborenen (in Elternforen und Ratgebern immer noch fast schon sakral verklärt) wird oft selbstverständlich davon ausgegangen, dass die Mutter die Betreuung übernimmt. Die Erholung dauert an und ein (Wieder-)Einstieg in ein bezahltes Arbeitsverhältnis ist oft länger nicht möglich. Nach einer Schwangerschaft können Komplikationen körperlicher und psychischer Art auftreten, zum Beispiel postnatale Depressionen. Ein Säugling ist auf eine primäre Bezugsperson angewiesen, die nahezu permanent verfügbar sein muss. Gleichzeitig befindet sich die Person, die das Kind zur Welt gebracht hat, in einer Phase physischer Erholung. Solche Verhältnisse führen sehr oft dazu, dass die Gebärende vor den Umständen kapituliert, die Reproduktionsaufgaben am Anfang zum großen Teil übernimmt, aber dann mit der Zeit tatsächlich sehr fest in sie hineinwächst. So wirkt es, als ob Frauen (und alle Personen mit weiblicher Sozialisierung) diese Aufgaben quasi von Natur aus übernehmen, die doch fortwährend durch ihre körperlichen, materiellen und sozialen Umstände an sie herangetragen werden. Ob Kinder geboren werden oder nicht ist für den Staat von Interesse, aber die kräftezehrende Arbeit, die damit zusammenhängt, erscheint als „privat“ und freiwillig.6 Das Großziehen eines Kindes ist unmittelbar sinnstiftend und zugleich kulturell so überhöht, dass viele Menschen sich immer noch damit schwer tun, es Arbeit zu nennen.

Erwartungen an den Sozialismus

Da im Modell der Arbeitszeitrechnung alle gleich vergütet werden, ist keine Abhängigkeit mehr dafür ausschlaggebend, wer die Arbeit zu Hause übernimmt. Der Arbeitsschutz und auch die Arbeitsbedingungen allgemein könnten sich durch die betriebliche Selbstverwaltung wesentlich verbessern. Dadurch eröffnen sich breitere Zugänge zu unterschiedlichen Arbeitsbereichen, was es Menschen ermöglicht, je nach ihren gegenwärtigen Bedürfnissen zwischen verschiedenen Tätigkeiten zu wechseln, anstatt den Großteil des Lebens an einen einzigen Beruf gebunden zu sein. Es gibt Ideen zu gemeinschaftlich organisierten Nachbarschaften, die die Vereinzelung der Kleinfamilie überwinden sollen. Man könnte den Zugang zu Ernährung, Reinigung und Pflege durch kollektive Angebote niedrigschwelliger organisieren und Menschen in der Sorgearbeit dadurch entlasten.7 Formen von Reproduktionsarbeit, die sich aber auch in heutigen, sozialistischen Visionen nicht institutionalisieren lassen, sollten weiterhin auf die Möglichkeiten ökonomischer Anerkennung untersucht werden.

Sobald zum Beispiel ein Gang mit dem Kind zum Spielplatz als gesellschaftlich notwendige Arbeit gilt, ist es möglich, ihn im Arbeitszeitrechnungsmodell zu berücksichtigen.8 Bis solche Festlegungen jedoch kollektiv getroffen werden, ist mit erheblichen Auseinandersetzungen zu rechnen, weil die Exklusion, Delegitimierung, Ignoranz und Abwertung dieser Arbeit tief in patriarchalen Machtverhältnissen verankert ist. Das Phänomen „Mental Load“ wurde auch erst sichtbar, als das einseitige, dauerhaft empathische Mitdenken für andere als so belastend empfunden wurde, dass die Betroffenen für diese Erfahrung eine eigene Begrifflichkeit einführten.

Bisher gibt es zu wenig Erhebungen und politische Diskussionen dazu, was Betroffene in der privaten Sorgearbeit genau als Arbeit betrachten. Das mag auch daran liegen, dass diese Tätigkeiten schon lange nicht mehr wirklich als überhaupt vergütungswürdig diskutiert werden. Die Zeitverwendungserhebung (ZVE) des Bundes, die alle 10 Jahre zu erfassen versucht, wie Menschen ihre Zeit für bezahlte und unbezahlte Arbeit, sowie Freizeit und Bildung verwenden, bietet immerhin schon einmal Statistiken.9 Solche Ansätze sind sehr wichtig, um mit der Diskussion zu beginnen. Sobald die Vergütung von privater Reproduktionsarbeit ernsthaft zur Diskussion steht, könnte ein umfangreicher und fortdauernder, politischer Aushandlungsprozess anlaufen.

Arbeitszertifikate für private Reproduktionsarbeit

Wie verändern sich die Konsummöglichkeiten, und welche Dynamiken und Entscheidungen spielen ökonomisch eine Rolle, wenn wir anfangen, private Reproduktionsarbeit zu vergüten? Die Forderung „Lohn für Hausarbeit“ von Mariarosa Dalla Costa (1972) etwa wird auch in aktuellen linken Diskussionsbeiträgen als illusorisch bezeichnet.10 Zum einen, weil aus der Vergütung von Hausarbeit kein Mehrwert zu schöpfen ist, daher im Kapitalismus solche Anforderungen nicht gestellt werden können. Zum anderen aber auch, weil durch einen neuen großen Zuwachs an Konsumansprüchen durch die Vergütung eine Inflation zu erwarten ist. Gehen wir davon aus, dass kapitalistische Verhältnisse abgeschafft sind, also für gesellschaftliche Bedürfnisse statt für Profit gewirtschaftet wird, dann fielen überflüssige Arbeiten weg und neue Produktivkräfte würden frei. Das sind schon einmal bessere Voraussetzungen. Tatsächlich sollten wir aber für das Modell der Arbeitszeitrechnung genauer auf wirtschaftliche Dynamiken wie die Inflation eingehen.

Der öffentliche Sektor stellt Güter und Dienstleistungen kostenlos zur Verfügung. Private Reproduktionsarbeit würde innerhalb der Modelllogik der Arbeitszeitrechnung zum öffentlichen Sektor gehören, weil niemand Arbeitszertifikate dafür geben muss, damit sie konsumiert werden kann. Sie dennoch zu vergüten, bedeutet real einen verhältnismäßig großen, neuen Anteil an Konsumansprüchen in Form von Arbeitszertifikaten.11 Wenn private Reproduktionsarbeit jetzt vergütet wird, werden Güter „teurer“, weil dann der Anteil, der mir als Zertifikat ausgezahlt wird, sinkt. Ich muss also zumindest für den Anfang dieser Umstellung mehr arbeiten, um etwas aus dem produktiven Sektor zu konsumieren.12

Über eine öffentliche Buchhaltung, die alle Wirtschaftsprozesse transparent aufzeigt, und mithilfe des FIKs kann eine Gesellschaft rational planen und einschätzen, wie sich das gesellschaftliche Arbeitspensum verändern müsste, wenn wir die Vergütung dieser oder jener Reproduktionsarbeit beschließen, damit die wirtschaftliche Stabilität nicht bedroht ist. Im unserem Fall verschiebt sich theoretisch hauptsächlich die gesellschaftliche Zuordnung der Konsumansprüche: Reproduktions-arbeitende erhalten – transparent ausgehandelt – eine direkte Vergütung, während vorher ihre Ansprüche nur indirekt über Einkommen anderer oder durch staatliche Leistungen gedeckt wurden. Die politische Diskussion um Anerkennung der Reproduktionsarbeit kann detailliert und auf sachlicher Grundlage geführt werden, denn für alle Arbeitenden wird sichtbar, welche Folgen die Vergütung bestimmter privater Reproduktionsarbeit für die gesamte wirtschaftliche Entwicklung hätte. Es ist anzunehmen, dass sich einige Menschen dagegen entscheiden, den Konsumanspruch für ihre eigene Arbeit einzuschränken, um die Vergütung der privaten Reproduktionsarbeit zu ermöglichen, doch genau das ist der politische Kampf der geführt werden muss.

Eine andere Möglichkeit der Vergütung wären auch Pauschalen, die in der Buchhaltung gegebenenfalls einfacher abzubilden sind, als individuelle Stundenangaben. Sie können Arbeiten abdecken, die einmal durchschnittlich erfasst wurden, und auf deren zeitliche Gültigkeit (vielleicht auch in verschiedenen Abstufungen) man sich gesellschaftlich hat einigen können. Allerdings muss auch eine Pauschale erst einmal gut begründet und erarbeitet werden. Um an Material und Daten dafür zu kommen, müsste ein Prozess in Gang gesetzt werden, in dem Menschen ihre als Arbeit definierten Stunden methodisch einheitlich erst einmal über einen längeren Zeitraum erfassen und sich darüber austauschen.13

Zur Abwechslung ein Gedankenexperiment

Angenommen, die Herstellung von Fahrrädern wäre nicht einfach so in einem Betrieb möglich und alle Fahrräder sind immer kostenlos verfügbar, weil vor allem Männer aus kulturellen Gründen neben ihrer vergüteten Arbeit immer auch privat die Fahrräder für die Gesellschaft hergestellt hätten. Wir sind also gefühlt schon immer kostenlos zu unseren Fahrrädern gekommen. Die Männer bauen diese Fahrräder zum Beispiel, indem sie sich schon auf dem Nachhauseweg von der Erwerbstätigkeit ihre Baupläne ansehen und sich mit anderen Männern darüber austauschen. Zu Hause arbeiten sie überlastet weiter an den Fahrrädern. Ihre Partner*innen sehen besorgt zu, reichen verzweifelt ein paar Werkzeuge an, verschieben auch mal den ein oder anderen Termin, um aushelfen zu können. Viele Männer leiden unter der Doppelbelastung, müssen sich psychisch behandeln lassen, können auch nicht so viel arbeiten und sind deshalb von ihren Partner*innen abhängig. Irgendwann fordern sie: „Könnt ihr anderen nicht auch mal die Fahrräder herstellen oder können wir nicht für diese wichtige Arbeit, die wir schon seit langer Zeit umsonst verrichten, endlich einmal eine realistische ökonomische Anerkennung haben, vielleicht in Form von Konsumansprüchen? Immerhin braucht doch die ganze Gesellschaft Fahrräder!“ Was wäre darauf eine entsprechende Antwort von uns anderen? Würden wir sagen: „Wie illusorisch! Wer soll denn all die Güter produzieren, die ihr dann plötzlich mit den Konsumansprüchen begehrt? Da geben wir euch lieber noch ein paar von unseren ab und dann ist aber Ruhe! Das Fahrradbauen liegt doch schon seit immer in eurer Natur, wo ist denn das überhaupt ‚Arbeit‘? Soll jetzt Kettenschmieren etwa plötzlich Arbeit sein, wo ihr das doch euer ganzes Leben lang und teilweise sogar ohne Ausbildung macht? Außerdem liegt doch so viel Glück und Erfüllung im Bau der Fahrräder, ihr denkt doch ohnehin an nichts anderes! Das ist doch total intim und geht die Gesellschaft nichts an. Wenn es sein muss, können wir euch etwas zum Ausgleich anbieten, damit euch das Fahrradbauen erleichtert wird, zum Beispiel eine Pauschale, eine Entschädigung oder jemand bringt euch etwas Essen vorbei und putzt eure Werkstatt. Aber dann ist auch Schluss, denn irgendwer muss das ja schließlich bezahlen!“ Diese Antwort wäre natürlich in gewisser Hinsicht nachvollziehbar, aber man kann auch verstehen, wenn die Fahrradbauer sie nicht gelten ließen.

Fußnoten

1 Mehr zu unserer Kritik an Parecon: „Decentralized Socialist Economic Planning. The Report of Labor-Time Accounting’s Death Was an Exaggeration“ von IDA und Amittai Aviram

2 Als Beispiel hierfür siehe Hans-Böckler-Stiftung Study Nr. 014, Juni 2018 „ Comparable Worth. Arbeitsbewertungen als blinder Fleck in der Ursachenanalyse des Gender Pay Gaps?“ Projektbericht: Ute Klammer, Christina Klenner, Sarah Lillemeier

3 An den Arbeitszertifikaten wird vereinzelt Kritik geübt, da sie aufgrund ihrer formalen Ähnlichkeit zur Lohnform als Ausdruck eines „demokratischen Arbeitszwangs“ missinterpretiert werden. Doch es gibt gleich mehrere überzeugende Gegenargumente:

  • Im Modell der Arbeitszeitrechnung ist die Entwicklung zum Prinzip des „Nehmens nach Bedarf“ bereits angelegt. Der öffentliche Sektor kann demokratisch so erweitert werden, dass alle Grundbedürfnisse abgedeckt sind und ein freier Zugang ohne Zertifikate möglich wird.
  • Eine rein bedarfsorientierte Wirtschaft ohne eine Form der Mengenregulierung setzt eine hohe Produktivität voraus und ignoriert reale Knappheiten. Die Arbeitszeitrechnung bietet hingegen eine transparente Verbindung zwischen Produktion und Konsum, die Willkür und Machtmissbrauch vermeidet – insbesondere in Krisen- und Übergangszeiten. Sie versteht sich auch nicht hauptsächlich als Endzustand, sondern auch als Übergangsform von kapitalistischer Warenproduktion zu einer freien sozialistischen Gesellschaft.
  • Arbeitszertifikate sind kein Kapital: Sie können weder gehortet, investiert, noch verzinst werden. Damit wird ausgeschlossen, dass sich jemand durch Besitz von Zertifikaten die Arbeit anderer aneignen kann.

4 Siehe Ergebnisse des statistischen Bundesamtes zum Gender-Pay-Gap.

5 Wenn im Folgenden von Männern die Rede ist, sind vor allem männlich gelesene, oder männlich sozialisierte und je nachdem gesellschaftlich privilegierte Personen gemeint. Natürlich können Transmänner und nicht-binäre Personen vielfach von anderen Formen der Marginalisierung betroffen sein und werden daher nicht grundsätzlich mit den vorausgesetzten Privilegien gleichgesetzt. Wenn Frauen, trans- und nicht-binären Personen genannt werden, soll darauf Bezug genommen werden, dass sich auch mit einem nur gesellschaftlich vermittelten Hintergrund weiblicher Identität oder auch mit weiblicher Zuschreibung, diese Marginalisierungen je nach Situation manifestieren können.

6 Siehe auch „Community-Kapitalismus“ von Silke van Dyk, Tine Haubner

7 Sozialistische Infrastrukturen der Sorgearbeit: „Care-Arbeit vergesellschaften. Kommunalpolitische Werkzeugkiste für eine ‚sorgende Stadt‘“ von Barbara Fried und Alex Wischnewski (Hrsg.)

8 Für Überlegungen zum zeitlichen Arbeitsaufwand der privaten Sorgearbeit, siehe „Embracing the Small Stuff. Caring for Children in a Liberated Society“ von Heide Lutosch 

9 Siehe hierzu auch z.B. „Ein paar Ergebnisse aus der Zeitverwendungserhebung 2022“ von Matthias Neumann, Mai 2024

10 U.a. Ole Nymoen und Wolfgang M. Schmidtt im Podcast „Wohlstand für alle“ (Ep. 199) Mai 2023

11 Auch wenn jetzt Mütter während sie zu Hause Kinder betreuen, nicht vergütet werden (ihre Partner*innen in den Betrieben aber schon), haben sie natürlich trotzdem schon immer Konsumansprüche. Nur werden diese über das Einkommen ihrer Partner*innen gedeckt, was zur Abhängigkeit führt.

12 Beispiel: Angenommen, ein Fahrrad kostet nach der durchschnittlichen Arbeitszeit 10 Stunden. Vor der Einführung einer Vergütung für private Reproduktionsarbeit liegt der FIK zum Beispiel bei 0,7. Das bedeutet, dass für jede geleistete Arbeitsstunde 0,7 Stunde als Zertifikat ausgezahlt wird. Um die 10 Stunden Arbeitszertifikate für das Fahrrad zu erhalten, müsste man effektiv 14,3 Stunden arbeiten. Sinkt der FIK durch die Einführung einer Vergütung für private Reproduktionsarbeit auf 0,5, erhöht sich die erforderliche Arbeitszeit für den Erwerb des Fahrrads, da nun für jede geleistete Stunde nur noch 0,5 Stunden als Zertifikat ausgezahlt werden. Das heißt, man müsste effektiv 20 Stunden arbeiten, um das Fahrrad zu erwerben.

13 Lina Schwarz, Sophie Obinger, Hannes Breul und Elise Schwarz haben mit Förderung durch die Rosa-Luxemburg-Stiftung eine App namens „WhoCares“ zum zeitlichen Tracken von Sorgearbeit entwickelt. Diese hat neun verschiedene Bereiche wie Pflegen, Kochen, Putzen, Kinder, usw. Die App macht sogar statistische Auswertungen möglich. Leider ist diese App im Moment für neuere Smartphone Modelle nicht mehr installierbar.